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Fremde Welten – neue Sichtweisen

Viele junge Menschen, die an internationalen Begegnungen und Austauschprojekten mit ausländischen Partnern teilgenommen haben, lässt das Thema Interkulturalität ein Leben lang nicht mehr los: Jugend-Kultur-Begegnungen bieten vielfältige und vor allem spannende Möglichkeiten, Fragen der eigenen Identitätsentwicklung und der Gemeinsamkeiten und Unterschiede intensiv und nachhaltig zu erforschen. Rolf Witte skizziert, wie Jugendkulturaustausch Erfahrungen fürs Leben ermöglicht.

von Rolf Witte

Kulturelle Vielfalt ist Reichtum und gleichzeitig Herausforderung für junge Menschen und unsere modernen Gesellschaften. Internationaler Jugendkulturaustausch nutzt Unterschiede und Verunsicherungen gezielt als Anlass für die Entwicklung kreativer Neugier und bietet Räume für künstlerische Auseinandersetzungen, den Dialog über Grenzen hinweg und die Entwicklung interkultureller Kompetenzen. In der konkreten Begegnung mit Menschen, die über andere kulturelle Hintergründe verfügen, öffnen sich Jugendlichen und Kulturpädagogen beim internationalen Jugendkultur- und Fachkräfteaustausch immer wieder fremde Welten und neue Sichtweisen. Kulturelle Vielfalt zu erleben heißt hier ganz konkret, über Sprachbarrieren hinweg aktiv zum friedlichen Zusammenleben beizutragen und gemeinsam mit Partnern aus anderen Ländern eigene Positionen zu entwickeln.

Kulturelle Freiheit statt Harmonisierung

Jugendliche haben ein Recht auf kulturelle Freiheit sowie auf Lebens-, Lern- und Bildungsangebote, die es ihnen ermöglichen, kulturelle Vielfalt aktiv mitzugestalten. Diesen Ansprüchen müssen auch europäische und internationale Jugendkulturprojekte genügen: Kulturelle Freiheit gewähren heißt, den Jugendlichen zuzutrauen, dass sie selbst mit Partnern aus anderen Ländern ihre Ausdrucksformen experimentierend entdecken, mit denen sie ihre „Message“ am besten rüberbringen können. Unser Zusammenleben – und das nicht nur auf europäischer Ebene – ist immer geprägt von Veränderungen, Verunsicherungen, Konflikten, Auseinandersetzungen und mühsamen Verständigungsprozessen. Deshalb müssen diese Dimensionen auch in europäischen und internationalen Jugendkulturbegegnungen ganz selbstverständlich dazugehören und dürfen nicht vom Bedürfnis nach Harmonie und „internationaler Verständigung“ künstlich überdeckt werden. Vielfalt ist eine Stärke – auch und gerade in der Begegnungssituation.

Die Unterstützung des Bedürfnisses der Jugendlichen nach eigenem kreativem Aus- druck sowie das Angebot, interkulturelle Kompetenzen zu entwickeln und persönliche Auslandserfahrungen zu sammeln, sind Bausteine kultureller Jugendbildungsangebote und heute  wichtiger denn je.  Jugendliche schrecken nicht davor zurück, ihre eigenen Ansichten leidenschaftlich zu vertreten. Kreative Begegnungsprojekte knüpfen an ihrem Mitteilungs- und Austauschbedürfnis sowie ihrem in der Regel großen Interesse an, Gleichaltrige auch aus dem Ausland kennen lernen zu wollen.

Künstlerisch ausgerichtete Projekte  geben Jugendlichen die Möglichkeit, ihre kreativen Ideen und Vorstellungen in den Prozess des europäischen Zusammenwachsens einzubringen und gleichzeitig den Austausch mit „dem Fremden“ als bereichernd für ihre eigenen Lebensperspektiven zu erfahren. Im künstlerischen Prozess ist man gefordert, einen ganz eigenen Weg zu gehen und nicht nur vorgezeichnete Wege zu kopieren.

Musik, Theater, Zirkus, Spiel, Tanz, Literatur, Bildende Kunst, Fotografie, Film und Multimedia eignen sich für vielfältige inter- nationale und interkulturelle Projekt- und Arbeitsformen, die Lust und Mut machen, sich virtuell und real in Europa und rund um den Globus zu bewegen. Ob multilateraler Medienworkshop oder internationale Zirkusbegegnung mit Partnern aus Thailand, ob Jugendbegegnung zur Wandmalerei in Lateinamerika oder Fachkräftebegegnung zu Konzepten der Museumspädagogik in Japan, ob Landart-Begegnung in Norddeutschland mit Jugendlichen aus den baltischen Staaten oder die Entwicklung eines dreisprachigen Theaterstücks zu den Folgen der Krise in Europa mit Partnern aus Griechenland und Frankreich: kaum etwas ist eindrücklicher als die eigene Verunsicherung, Überwindung, Anspannung und Entspannung während einer ersten Begegnungserfahrung mit Partnern im Ausland. Das gilt selbstverständlich auch für die daran beteiligten Kulturpädagogen und Fachkräfte der kulturellen Bildung. Aber Mobilität fängt im Kopf an und kann sich mittels moderner technischer Medien heute erfreulich einfach virtuell im Kontakt mit anderen Menschen fortsetzen. Durch die reale, internationale Jugendbegegnung bekommen die längst für viele Jugendliche selbstverständlichen, virtuellen Kontakte eine neue Qualität: Aus dem Chatroom wird eine Ideenwerkstatt zur Vorbereitung der Begegnung oder eine Galerie der Erinnerungen an die Begegnung. Aus dem „Friend“ im sozialen Netzwerk wird durch die face-to-face-Begegnung ein neuer Freund, ein „Botschafter“ der Partnergruppe, des Partnerlandes, dem aufgrund der gemeinsamen Begegnungserfahrung anschließend „Botschaften“ mit ganz neuer Qualität durchs Netz geschickt werden können.

Lokale Kooperationen bereichern den Austausch

Je nach Altersgruppe, je nach Interesse der jungen Akteure und je nach künstlerischem Selbstverständnis der Jugendkultureinrichtungen und ihrer Mitarbeiter entstehen immer wieder individuelle und einzigartige Begegnungsprojekte und Vorhaben, die sich internationalen und interkulturellen Themen auf unterschiedlichste Weise annähern. Denn in diesem „Geschäft“ gibt es keinen Leitfaden für das beste Begegnungskonzept. Jedes internationale Begegnungsvorhaben ist ein nicht wiederholbares, einmaliges Ereignis, das von vielen Menschen und Faktoren beeinflusst wird. Eine Trickfilmwerkstatt mit Kindern und Jugendlichen aus Deutschland, Polen und Russland ist konzeptionell deutlich anders angelegt als ein Pantomime-Workshop mit Jugendlichen aus Tschechien und der Slowakei oder eine Fachkräftebegegnung rund um jugendkulturelle Ausdrucksformen und urban culture mit Partnern aus Indien.

Diese Vielfalt gilt es durch vermehrte lokale Kooperationen weiter zu entwickeln und möglichst vielen Jugendlichen leicht zugänglich zu machen, auch denen, die nicht die „klassischen“ Nutzer von Jugendkultureinrichtungen sind. Ob in der Zusammenarbeit mit Kollegen aus dem Bereich der politischen Bildung oder der Jugendverbände, ob in Kooperation mit interessierten Lehrkräften und ihren Schulklassen oder AGs oder gemeinsam mit einem kommunalen Jugendamt oder einer Jugendhilfeeinrichtung: eine Vielfalt von Kooperationen führt hier unweigerlich auch zur Vielfalt von Konzepten und künstlerischen Ansätzen, die dringend erforderlich ist, um immer wieder neuen Ziel- gruppen motivierende Angebote machen zu können und Jugendliche in Lebenssituationen einzubeziehen, die sonst keinen Zugang zu internationalen Begegnungserfahrungen haben. Gut geplante und durchgeführte Jugendbegegnungen wirken.

Qualitätsaspekte und Langzeitwirkungen

Einige Bausteine zur Ermunterung der vielfältigen Trägerlandschaft des Jugendkulturaustauschs, auf eine beständige qualitative Weiterentwicklung ihrer internationalen Begegnungskonzepte nicht zu verzichten, konnten in den letzten Jahren im Feld der Internationalen Jugendarbeit entwickelt werden. So sind beispielsweise unter Federführung von IJAB, Fachstelle für Internationale Jugendarbeit, die dreistufigen Nachweise International entstanden, an deren Entwicklung der Bereich der kulturellen Bildung vor allem durch die Übertragung des Grundkonzepts des Kompetenznachweises Kultur der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ) auf die dritte Stufe, den Kompetenznachweis International, beteiligt war. Auch das von der BKJ gemeinsam mit dem Deutsch-Französischen und dem Deutsch-Polnischen Jugendwerk entwickelte computergestützte System zur Evaluation von internationalen Jugendbegegnungen ermöglicht es den Organisatoren von Jugend-Kultur-Begegnungen, das per Fragebogen eingeholte Feedback der jugendlichen Teilnehmenden am Computer rasch auszuwerten. Die Ergebnisse können dazu genutzt werden, eventuelle Schwachpunkte der eigenen Begegnungskonzeption zu erkennen und so unmittelbar bei der Planung von Folgeprojekten Konsequenzen daraus zu ziehen. Zudem hilft es, den Blick gezielt einmal auf die wesentlichen Punkte der gerade gemachten interkulturellen Begegnungserfahrung zu richten, die ansonsten leicht in der Vielfalt organisatorischer Herausforderungen aus dem Blick geraten. 57 Prozent der befragten Teilnehmenden einer Studie zu den Langzeitwirkungen von internationalem Jugendaustausch bestätigten, dass sie durch die Austauscherfahrung vertieftes Wissen über andere Kulturen gewonnen haben. Und 51 Prozent bestätigten, dass es ihnen durch die Begegnung zehn Jahre nach dem Austausch leichter fällt, das Verhalten von Menschen mit anderen kulturellen Hintergründen zu verstehen.

Transkulturelle Identitäten

Unterschiedliche kulturelle Hintergründe der Teilnehmenden sollten in den Begegnungssituationen nicht überbetont und überbewertet werden. Vielmehr führt es immer wieder zu einem spannenden Gedankenaustausch, wenn Jugendliche im Rahmen einer Begegnung gefragt werden, ob sie  sich  überhaupt  einer  »nationalen  Kultur« als Deutscher, Französin, Pole oder Tschechin zugehörig fühlen. Denn mit Sicherheit sind Jugendliche dabei, die sich bestimmten länderübergreifenden Lebensstilen oder Szenen viel eher zugehörig fühlen und sich den gleichen Szene-Mitgliedern aus dem Partnerland näher verbunden fühlen als den Landsleuten, mit denen sie als »die Deutschen« zur Begegnung angereist sind. Was diese teilweise auch durch weltweite Kommunikationsmöglichkeiten entstandenen neuen länderübergreifenden jugendkulturellen Szenen und Zugehörigkeiten für die Jugendlichen bedeuten, was sie aber auch für Begegnungskonzeptionen und inhaltliche Anknüpfungspunkte für die künstlerische Auseinandersetzung mit diesem Phänomen bedeuten, das sind Fragen, mit denen sich die Künstler und Kulturpädagogen im Jugendkulturaustausch intensiv beschäftigen müssen.

Jeder Träger aus dem Bereich der kulturellen Bildung wird seine eigene Antwort darauf finden müssen, wie er internationale und interkulturelle Begegnungsarbeit als Baustein in das eigene lokale kulturelle Bildungskonzept integrieren kann. Ein Patentrezept für die „richtige“ Begegnungskonzeption gibt es nicht.

Aus Erfahrungen lernen

Eine wichtige Rolle spielt dabei, dass ehren- und hauptamtliche Mitarbeiter der Jugendkulturarbeit internationale Fachkräfteprogramme dazu nutzen, aus den Erfahrungen ihrer Kollegen in anderen Staaten zu lernen, neue Ansätze für ihre tägliche Arbeit mit Jugendlichen zu entdecken und intensive Kontakte und Beziehungen zu ausländischen Partnern zu entwickeln. Ganz egal, ob durch Treffen von Mitarbeitern aus Jugendkunstschulen im Rahmen des europäischen arts4all-Netzwerks oder durch bilaterale Fortbildungen zu aktuellen kulturpädagogischen Fragestellungen mit Kollegen aus einzelnen Ländern: So können die Konzepte deutscher Einrichtungen der Jugendkulturarbeit vor einem internationalen Erfahrungshintergrund kritisch hinterfragt, positiv beeinflusst und im Sinne einer zeitgemäßen interkulturellen Ausrichtung weiterentwickelt werden. Wenn die „Chemie“ zwischen den Fachkräften im Leitungsteam einer ersten gemeinsamen internationalen Begegnung stimmt, kommt es meist zu weiteren Begegnungsvorhaben. Hier zeigt sich deutlich, wie wichtig die persönliche Begegnungserfahrung und die Entwicklung interkultureller Kompetenzen für Verantwortliche von Austauschmaßnahmen sind. Vor- und Nachbereitungstreffen der Teamer, internationale Trainingskurse, die von verschiedenen Organisationen mit Partnern aus vielen Ländern angeboten werden, spielen eine wichtige Rolle, um (Selbst-)Sicherheit auf dem europäischen und internationalen „Parkett“ zu entwickeln.

Rolf Witte leitet den Arbeitsbereich Kulurelle Bildung International der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung e. V.


Dieser Beitrag ist erschienen in infodienst – Das Magazin für kulturelle Bildung Nr. 112.

 

 

 


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