Arbeitsfelder der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung



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Was heißt hier deutsch?

Migration und Globalisierung verändern den internationalen Jugendaustausch. Längst begegnen sich nicht mehr nur Deutsche und Polen, sondern Jugendliche mit vielfältigen ethnischen Wurzeln und kulturellen Prägungen. Bianca Fischer beschreibt, wie die internationale Jugendarbeit herausgefordert ist, in ihrer politischen Ausrichtung und ihrem pädagogischen Programm Diversität und Transkulturalität Raum zu geben. Damit dies gelingt, müssen die Akteure ihr Kulturverständnis grundlegend revidieren.

von Bianca Fischer

Eine Jugendbegegnung in Krakau. Jugendliche aus Berlin-Neukölln steigen aus dem Reisebus. Einer der polnischen Jugendlichen fragt den Gruppenleiter verdutzt: „Wo sind denn eigentlich die Deutschen?“ Im Kontext von Globalisierung und Internationalisierung nehmen auch in Europa die grenzüberschreitende Mobilität von Menschen, die Pluralität von Gesellschaften und die Vielfalt an Lebensweisen zu. Ohne es zu merken, ist auch Deutschland zu einem Einwanderungsland geworden. Dies spiegelt sich auch in der internationalen Jugendarbeit wider und wirft Fragen auf wie: Wer ist hier eigentlich deutsch und wer polnisch? Was sind die Kriterien dafür? Und was sind all die anderen mit so genanntem „Migrationshintergrund“ oder besser „mit Zuwanderungsgeschichte“?

Geschichte der internationalen Jugendarbeit

Lange galten das Abstammungsprinzip und die nationalstaatlichen Grenzen als zentrale Parameter. Auch der Begriff „internationale Jugendarbeit“ basiert auf der Grundidee, dass Jugendliche aus unterschiedlichen Nationalstaaten aufeinander treffen, Zeit miteinander verbringen, die Gebräuche, Geschichte und Gepflogenheiten des anderen Landes kennen lernen, sich miteinander austauschen und sich gemeinsam mit einem Thema beschäftigen oder an einer gemeinsamen Aufgabe arbeiten. Treibende Kraft für die internationalen Jugendbegegnungen waren seitens des Staates vor allem politische Belange. So waren Anfang der 1920er Jahre die Völkerverständigung und der Weltfrieden zentrale Leitmotive. Die internationale Jugendarbeit wurde demnach vorrangig als Teil der Außenpolitik verstanden. Dabei wird von einer homogenen deutschen Kultur ausgegangen. Regionale Unterschiede, realgesellschaftliche Realitäten und Minderheiten des gesellschaftlichen Lebens werden ausgeblendet.

Mit sich verändernden politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und Entwicklungen veränderten sich in den folgenden Jahrzehnten auch immer wieder die Ausrichtung der internationalen Jugendarbeit und die Länder, mit denen der Austausch angestrebt und gefördert wurde. Erst in den 1980er und 90er Jahren wurde erstmals die Debatte um die multikulturelle Zusammensetzung der westdeutschen Gesellschaft geführt und gerade im Kaleidoskop eines Gesamtdeutschlands deutlich, dass „eine“ nationalstaatliche Identität ein Mythos ist. Seither lässt sich das interkulturelle Lernen zunehmend als Zielperspektive ausmachen. Parallel dazu lebt jedoch in den Förderstrukturen, der  außen-  sowie  innenpolitischen  Darstellung sowie teilweise in der Pädagogik der Nationalmythos in der internationalen Jugendarbeit weiter. Das läuft mehr denn je an den realen Lebenswelten der Jugendlichen vorbei. Schließlich hat jede fünfte in Deutschland lebende Person einen Migrationshintergrund.

Lebenswelten der Jugendlichen

Jugendliche wachsen heute in einem Land auf, das sich ethnisch und kulturell von dem ihrer Eltern und Großeltern stark unterscheidet. Multikulturelle Vielfalt stellt eine wichtige Rahmenbedingung ihres gesellschaftlichen Alltags dar. Die Lebenswelten Jugendlicher sind zudem global gesehen durch internationale Mobilität, Medien und Globalisierung dichter zusammengerückt. Dies zeigt sich insbesondere auch an den Kommunikations- und Konsumwelten. So tragen viele Jugendliche rund um den Globus nicht nur die gleichen Markenschuhe, sondern hören auch die gleiche Musik, schauen die gleichen Filme oder sind mit Freunden am anderen Ende der Welt über Facebook, Twitter und Co. vernetzt. Die jugendlichen Lebenswelten sind zunehmend keine rein lokalen mehr, sondern eine Mischung aus diversen lokalen, nationalen und globalen Einflüssen. Darüber hinaus sind Jugendliche heute mit einer Vielzahl von Wahlmöglichkeiten und Ungewissheiten konfrontiert. Die Sinus Jugendstudie u18 (2012) zeigt, dass es aus Sicht der Jugendlichen wenige Gewissheiten gibt, auf die sie vertrauen können, ebenso kaum taugliche Lebensmodelle, die längerfristige Gültigkeit besitzen und an denen sich zu orientieren sinnvoll erscheint. Jugendliche Identitäten konstruieren sich dabei vor allem über individuelle Bezüge, Gemeinsamkeiten und Differenzen. Dabei rücken häufig andere Gruppenzugehörigkeiten und Identitätsparameter eher in den Fokus als die gesellschaftlich vorgegebenen Klassifizierungssysteme wie Ethnie und Nationalität. So kann es beispielsweise sein, dass in der deutsch-polnischen Gruppe ein Junge aus Deutschland und einer aus Polen, die beide gern Fußball spielen und die gleiche Musik hören, mehr Gemeinsamkeiten haben und sich enger verbunden fühlen als zwei aus Deutschland, die gänzlich unterschiedliche Hobbys und Interessen haben.

Letztlich entscheidet jede Person selbst, welche Zugehörigkeiten wann für sie oder ihn besonders bedeutsam sind. Dabei ist Identität nicht als starr und unveränderbar zu betrachten, sondern vielmehr als ein prozesshaftes und sich in Begegnungen mit anderen Menschen immer wieder neu zu verhandelndes und konstruiertes Momentum. Dabei kann eine Person in Reaktion auf den jeweiligen Kontext oder die jeweilige Begegnung auch unterschiedliche Identitäten in den Vordergrund stellen. So wird sich ein Jugendlicher einem Elternteil vermutlich anders präsentieren als jemandem aus seiner Peergroup.

Herausforderungen für die internationale Jugendarbeit

Angesichts der gesellschaftlichen Veränderungen im Zusammenhang mit Globalisierung, Migration sowie der vielfältigen Lebenswelten Jugendlicher heute sind die internationale Jugendarbeit und ihre Akteure gefordert, in ihrer politischen Ausrichtung sowie dem pädagogischen Programm der Diversität und Transkulturalität ihrer Individuen Raum zu geben und nicht nationale Stereotype und eindimensionale, nationale Sichtweisen weiter zu verfestigen. Vielmehr sollte sie den Jugendlichen die Möglichkeit bieten, sich anzunähern und auf Augenhöhe zu begegnen und Selbst- und Fremdzuschreibungen zu reflektieren. Dabei sollten die Vielfalt und Heterogenität der Gruppen als Chance gesehen werden und vorherrschende gesellschaftliche Strukturen, Machtverhältnisse und kulturelle Stereotype zum Anlass genommen werden, um über diese ins Gespräch zu kommen. Um dies zu realisieren und an den Lebenswelten der jugendlichen Adressaten andocken zu können, bedarf es in vielen Konzepten der internationalen Pädagogik einer grundlegenden Revision des eigenen Kulturverständnisses. Zudem müssen die Pädagogen der internationalen Jugendarbeit sensibler mit Sprache umgehen, denn häufig findet bereits durch die verbale Benennung und Einordnung Ausgrenzung von Individuen oder Gruppen statt.

Doch zurück zum eingangs beschriebenen Szenario: Die Frage des Jugendlichen aus Polen wäre ein guter Anlass, um mit den Jugendlichen beider Länder über die Erwartungen, gesellschaftlichen Realitäten und individuellen Identitäten ins Gespräch zu kommen.

Chance kulturelle Bildung

Die internationale Jugendarbeit, insbesondere im Feld der kulturellen Bildung, bietet Jugendlichen die Möglichkeit, sich mit der eigenen Identität auseinanderzusetzen, diese zu reflektieren, zu gestalten und auszuhandeln. Dabei können künstlerisch-ästhetische Zugänge in besonderem Maß Raum schaffen, um gängige Normalitäts- und Homogenitätsvorstellungen in Frage zu stellen. Sie bieten Frei- und Erfahrungsräume, um die eigene Sichtweise zu erforschen und den eigenen Ausdruck zu finden. Es entstehen Erfahrungs- und Begegnungsräume, in denen sich kulturelle Vielfalt entwickeln kann. In diesem Sinn trägt internationale Jugendarbeit auch heute noch zur Verständigung von Nationen bei, jedoch weniger mit dem Ziel der Ausformung nationaler Identitäten in Abgrenzung zum Fremden, sondern vielmehr in der Annäherung und dem Schließen von Freundschaften auf individueller Ebene. Was und wer deutsch ist und was polnisch, ist letztlich eine Frage der Perspektive.

Bianca Fischer war bis Mai 2014 Referentin für deutsch-polnischen Jugendkulturaustausch bei der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung, seit Juni leitet sie das Landesbüro NRW im Modellprogramm „Kulturagenten für kreative Schulen“.

Literatur

Winkelmann, Anne: Internationale Jugendarbeit in der Einwanderungsgesellschaft. Auf dem Weg zu einer theoretischen Fundierung, Schwalbach 2006

Thimmel, Andreas/Friesenhahn, Günther J.: Interkulturelle Handlungskompetenz in der internationalen Jugendarbeit. Begriffe – Konzepte – Anwendungsgebiete, in: IJAB e. V. (Hrsg.) „Forum Jugendarbeit International“, Münster 2006, S. 16-35

Calmbach, Marc/Thomas, Peter Martin/Borchard, Inga/Flaig, Bodo: Wie ticken Jugendliche? Lebenswelten von Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren in Deutschland, Düsseldorf 2012


Dieser Beitrag ist erschienen in infodienst – Das Magazin für kulturelle Bildung Nr. 112.

 

 

 


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