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/// Michael Pigl-Andrees und Anna-Katharina Andrees: „Die Blockade-Haltung der Arbeitsagenturen ist absurd“



Sie gehören zu den Pionieren einer inklusionsorientierten Zirkusarbeit. Im Interview sprechen Michael Pigl-Andrees und Anna-Katharina Andrees vom Berliner Zentrum für bewegte Kunst (ZBK) über ihr didaktisch-künstlerisches Konzept und darüber, wie durch ihren Ansatz Arbeitsplätze für Menschen mit Trisomie 21 entstehen könn(t)en.

BKJ: Mit der Qualifizierung „IN.ZIRQUE – Netzwerk Zukunft“ unterstützen Sie Zirkuspädagog*innen dabei, die von Ihnen entwickelte inklusive Bewegungs- und Zirkusarbeit in ihre Arbeit zu integrieren. Was ist das Besondere an der Weiterbildung?

Portäts von Michael Pigl-Andrees und Anna-Katharina Andrees. Foto: ZBK e. V. Michael Pigl-Andrees: Das ZBK hat bereits 2015/16 ein erstes Modellprojekt „Inklusionsorientierte Zirkuspädagogik“ ins Leben gerufen. Diese berufsbegleitende Weiterbildung mündete in einen bundesweiten Fachtag mit 100 Teilnehmer*innen und der Veröffentlichung unseres ersten Fachmagazins im September 2016. Daraus entstand die Idee für ein Netzwerkprojekt als Folgeprojekt. Dafür haben wir zwei Partner gefunden: Der Kölner Spielecircus ist ein seit 35 Jahren gewachsenes Projekt mit stabilen Strukturen, das sehr erfolgreich Zirkus- und Theaterprojekte mit Kindern und Jugendlichen veranstaltet. Unsere Partnerinitiative in Dresden, das Team von Steffen Lewandowski, hat keinen festen Standort, dafür sehr lebendige mobile Strukturen und wandelbare Projekte. Das „Netzwerk Zukunft“ ist damit weniger ein Weiterbildungsprojekt als eine Austauschplattform zu der Frage, wie vor Ort unter jeweils spezifischen Bedingungen eine künstlerisch inspirierte inklusive Projektkultur entwickelt werden kann.

Natürlich bietet das Netzwerk-Format auch Weiterbildungs-Workshops, die durch die IN.ZIRQUE-Didaktik des ZBK geprägt sind. Es geht dabei aber auf einer zweiten Ebene darum, wie die Partner vor Ort inspiriert von unserer Didaktik eigenständige und nachhaltige inklusive Strukturen aufbauen können.

Unser IN.ZIRQUE-Kongress am 14. und 15. September 2019 in Berlin wird beide Ebenen zusammenfassen: Die in den letzten zwei Jahren im Parallel-Projekt „IN.ZIRQUE – Weiterbildung für inklusive Bewegungskünste“ weiterentwickelte Didaktik wird in einem zweiten IN.ZIRQUE-Magazin veröffentlicht und auf dem Kongress im Berliner Jugendkulturzentrum Pumpe in einem Fachaustausch gemeinsam mit unseren Netzwerk-Partnern vorgestellt.

Eine Besonderheit hätte ich beinahe vergessen, weil sie für unsere Arbeit im ZBK bereits so selbstverständlich ist: Auf allen Ebenen des Projektes wirken Artist*innen des ZBK, die mit einer Trisomie 21 leben, als Expert*innen für Bewegungskünste mit. Gerade auch unsere Netzwerk-Workshops in Köln und Dresden hatten dadurch eine besondere Lebendigkeit und Qualität.

BKJ: Was macht den Kern einer inklusiven künstlerischen Haltung und einer darauf aufbauenden Didaktik aus?

Michael Pigl-Andrees: Dazu zunächst ein kleiner Umweg: Ulrike Graf vom niedersächsischen Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung beschreibt die Notwendigkeit einer inklusiven Diagnostik. Sie versteht darunter ein Handlungs-Repertoire, um in inklusionsorientierten Praxisfeldern erstens das Können des Kindes zu erkennen, zweitens die Zonen seiner nächsten Entwicklung zu identifizieren und drittens didaktische Möglichkeiten zu kennen, die dem Kind den Weg dorthin bahnen.

Eine professionelle Haltung, die auf einer Balance von pädagogischen und künstlerischen Impulsen beruht, erleichtert die praktische Ausgestaltung des oben beschriebenen Dreischritts. Zum einen, weil durch diese Balance in Arbeitsprozessen viel mehr und ganz unterschiedliche Quellen genutzt werden können. Zum anderen, weil dadurch ganz andere Formen von Begegnungen stattfinden.

Anna-Katharina Andrees: Wenn ich Menschen bereits als Künstler*innen sehe, selbst wenn sie noch kein aktives Bewusstsein dafür haben, können wir von Anfang an auf einer künstlerischen Ebene arbeiten. Wenn ich die Kinder und Jugendlichen, die in das ZBK kommen, als „behindert“ sehen würde, wäre mein Ansatz pädagogisch oder sozial. Mein Interesse geht aber weit darüber hinaus. Mich interessiert in erster Linie, wie Menschen auf ganz unterschiedliche Art und Weise Dinge umsetzen, mit denen sie sich beschäftigen. Da fängt für mich der eigentlich spannende Prozess an: mit der Art und Weise, wie Menschen die sie umgebenden Dinge auffassen und verstehen. Ein künstlerischer Ansatz hilft mir, auf Augenhöhe zu sein. Wenn wir auf einer gleichen oder ähnlichen Ebene handeln, entsteht die Freiheit, von meinem Gegenüber genau so viel zu lernen, wie er oder sie von mir.

Michael Pigl-Andrees: Kunst kennt keine zweiwertige Logik, wie richtig – falsch, gesund – krank, nicht behindert – behindert. Kunst ist getragen von einem zentralen Freiheitsaspekt – und das ZBK folgt dabei der wunderbaren Idee der Kunst als „Wissenschaft der Freiheit“ von Joseph Beuys. Das ZBK nutzt dafür auch das Methodenspektrum von Michael Chekhov, anhand dessen sich jede*r Trainer*in und Artist*in eine Balance aus Fühlen, Denken und Wollen erarbeiten kann.

Anna-Katharina Andrees: Jede Situation erfordert von mir eine andere Zusammensetzung der Einzelaspekte von Denken, Fühlen und Wollen. Es ist gewissermaßen eine Balance auf einem Seil. Ich muss immer wieder neu erforschen, welche Anteile ich von jedem Aspekt in einer spezifischen Situation benötige. In diesem Prozess bin ich improvisatorisch tätig. Improvisieren bedeutet für mich, dass ich mit meinen Fähigkeiten zur Imagination – für Bewegungen und Prozesse – und mit einer konkreten Grundstruktur arbeite, die mir einen klar definierten Rahmen geben. Die Praxismethoden von IN.ZIRQUE liefern dafür die gemeinsame Bewegungskultur und Arbeitssprache, sowie eine Orientierung gebende Landkarte für jede *n Artist*in in den Trainingsgruppen. Damit können wir den dritten Teilschritt der beschriebenen inklusiven Diagnostik bedienen. Ohne eine ausgeprägte künstlerische Haltung könnten wir Schritt 1 und 2 dieses Konzeptes nicht auf einer ganzheitlichen Ebene gestalten.

BKJ: Inwiefern ist die Ausbildung von Menschen mit Down-Syndrom oder anderen Lernschwierigkeiten zu Zirkus-Trainer*innen und Expert*innen für Bewegungskunst ein Schritt in Richtung Arbeitsmarkt-Integration?

Michael Pigl-Andrees: In Berlin gibt es aktuell von den Arbeitsagenturen noch eine starke Blockade-Haltung in Bezug auf die Gewährung eines persönlichen Budgets für Ausbildung und Arbeit für Menschen, die mit einer Trisomie 21 oder anderen alternativen kognitiven Strukturen leben. Wenn wir im ZBK Menschen ausbilden, zeigen wir, wie selbstverständlich es sein kann, dass die Vorgaben des neuen Bundesteilhabegesetzes in die Praxis umgesetzt werden. Im Moment ist das noch eine absolute Pionierarbeit. Aktuell wird von Mitarbeiter*innen der Arbeitsagenturen Menschen mit Trisomie 21 noch erklärt: Kultur ist kein Arbeitsfeld – und Trainerin kein Beruf.

Es ist daher umso wichtiger, dass wir im ZBK Leuchtturm-Projekte entwickeln, die aufzeigen wie absurd eine solche Haltung ist. Aktuell beschäftigt das ZBK mit Soledad Rein-Saunders eine 20-jährige Artistin mit Trisomie 21, welche als Artistin und Assistenz-Trainerin arbeitet. Sie macht einen Bundesfreiwilligendienst im ZBK. Im Januar 2019 hat sie gemeinsam mit unserer künstlerischen Leiterin beim weltberühmten Tänzer und Choreografen Royston Maldoom an einer Masterclass teilgenommen. Auf der Bühne hat sie einen Show-Act, den sie gemeinsam mit einem Profi-Artisten entwickelt hat. Und dazu arbeitet sie unter anderem an ihrer ehemaligen Grundschule im ZBK-Projekt „BEKIS – bewegte Kunst und inklusive Schulkultur“ gemeinsam im Team mit ihren ehemaligen Erzieher*innen.

Das ZBK hat 2019 begonnen neben den seit 2016 bestehenden künstlerischen Tandems auch mit dem Konzept von Trainer*innen-Tandems zu arbeiten. Dazu werden wir im ersten Halbjahr zwei Ausbildungsprojekte im Bereiche von Jonglage/Diabolo und – als Pilotprojekt – die Anwendung der IN.ZIRQUE-Akrobatik als gesundheitspräventives Bewegungsprogramm durchführen. Unser Trainer Lennart Helm wird auf dieser Grundlage im Herbst 2019 mit Soledads Kollegen Oskar Schenck einen ersten Tandem-Akrobatikworkshop durchführen. Die IN.ZIRQUE-Didaktik liefert dafür einen umfassenden Werkzeugkoffer. Mit unseren Ausbildungsprojekten können wir belegen, dass eine professionelle Arbeit als Artist*in und Zirkustrainer*in für Menschen, die mit einer Trisomie 21 leben, eine realistische Berufsperspektive sein kann. Im Bereich Tanz gibt es mit Neele Buchholz von dem mit uns befreundeten Projekt tanz_bar bremen und deren Modellprojekt KompeTanz eine wunderbare Entsprechung.

Weitere Informationen

Am 14. und 15. Juni 2019 wird das Team des ZBK bei der Tagung „AllerArt – Inklusion und Kulturelle Bildung“ in Essen Einblicke in seine Arbeit geben.

Das Projekt „In.Zirque – Netzwerk Zukunft“ des ZBK gehört zu den neun Projekten, die von 2017 bis 2019 aus dem Innovationsfonds Kulturelle Bildung des Bundesjugendministeriums gefördert und von der BKJ in diesem Zeitraum fachlich begleitet werden. Auch die anderen Projekt-Akteure gestalten die Tagung mit.

Innovationsfonds Kulturelle Bildung – Inklusion: Fachliche Begleitung der geförderten Projekte

Zentrum für bewegste Kunst

Foto: Zentrum für bewegte Kunst e. V.

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