Arbeitsfelder der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung



Initiative Transparente Zivilgesellschaft

BMFSFJ

bkj.de
KULTURELLE BILDUNG INTERNATIONAL>>
30.08.2017 /// Dettmar Koch: „Die internationale Gruppe wird zum ‚Wir‘“

Jugendkulturarbeit e. V. aus dem niedersächsischen Oldenburg sammelt seit fünf Jahren Erfahrungen im deutsch-polnisch-ukrainischen Jugendaustausch. Der Krieg in der Ukraine, Flucht und Nationalismus sind die Themen, aus denen die Theaterstücke entwickelt werden. Im Interview berichtet Theaterpädagoge Dettmar Koch, wie dabei Fußball und Theater miteinander verknüpft werden und wie auf der Theaterbühne die Kategorisierungen „Wir“ und „die Anderen“ ins Wanken geraten.

BKJ: Welche Erfahrungen machen Sie mit dem Jugendkulturaustausch mit Jugendlichen aus drei verschiedenen Ländern, in denen die politische Situation in den letzten Jahren zum Teil sehr schwierig geworden ist?

Screenshot aus den Film „To tylko gra / Alles nur ein Spiel / Це лише гра“, © Deutsch-Polnisches JugendwerkDettmar Koch: Wir sammeln beim Jugendkulturarbeit e. V. nun seit fünf Jahren Erfahrungen im deutsch-polnisch-ukrainischen Jugendaustausch. Der Krieg in der Ukraine, Flucht, Nationalismus und Internationalismus sind die Themen aus denen wir unsere Theaterstücke entwickeln. Wir arbeiten stark körperorientiert. Sprache spielt in der Freizeit eine größere Rolle als in den fixen Programmzeiten. Viel Zeit verwenden wir für das Erlernen der Namen aller Teilnehmenden. Alle 45 Teilnehmenden sprechen sich immer mit dem Namen an. Es gibt kein Krepp und keine Namensschilder. Alle Teilnehmenden sind wichtig.

Was ist das Besondere am Programm „Schwalbe“, das sie schon mehrfach mit Gruppen Deutschland, Polen und der Ukraine durchgeführt haben?

Wenn Teamgeist, soziales Engagement und Fairplay gefragt sind, dann sind die Methoden der Jugendkulturarbeit auch interessant für alle Teamsportarten. Jugendkulturarbeit e. V. entwarf daher ein Programm mit dem Titel „Schwalbe“, in dem sich alles um den Bühnenkampf und um Sport dreht. Entscheidend für den Bühnenkampf ist das gegenseitige Vertrauen der miteinander Agierenden, sich nicht zu verletzen. Die geprobte Spontanität einer nur für Außenstehende wilden Schlägerei lässt den Teamgeist der Gruppe entstehen. Dazu müssen Szenarien entwickelt, verabredet und geprobt werden. Und das über alle Grenzen hinweg. Fußballspielende werden bewusst allmählich zu Schauspielenden und sammeln neue Erfahrungen Kultureller Bildung. Genau wiebei einer „Schwalbe“ vor dem Tor fliegen Menschen über Grenzen zueinander und kehren immer wieder an Orte zurück, an denen sie sich wohlfühlen.

Was erfahren und lernen die jungen Teilnehmer*innen in einer solchen Begegnung – übereinander, über sich selbst und über die jeweils andere Kultur?

Es gibt auf der Suche nach dem richtigen Weg ins Leben bei uns allen mehr oder weniger den Wunsch uns mit Hilfe von irgendwelchen Kategorien zu orientieren. Ängste bestimmen diesen Weg. Ängste, die häufig durch unsere Familien bestimmt werden und deren Ursprung genauso häufig unbekannt ist. Kategorisierungen wie „Ich oder die Anderen“ und „Wir oder die Anderen“ sind einfach zu füllen. Das „Wir“ ist eine Schutzzone und wird z. B. über das Geschlecht („wir Männer“), über körperliche Merkmale („wir Schwarzhaarigen“) oder wohlmöglich über die Nationalität bestimmt. In unserer Jugendbegegnung beginnen wir damit diese Orientierungen durch gezielte Übungen in Frage zu stellen und in der Phase der Konstruktion mit Hilfe neuer Bestimmungen zu ersetzen. Die internationale Gruppe wird zum „Wir“. Mit leicht erhöhtem Tonfall und weicher Stimme konstruieren wir einen neuen Verhaltenskodex der internationalen Gruppe. Verstöße gegen diesen neuen Verhaltenskodex wirken sofort desorientierend und werden erfahrungsgemäß von den Teilnehmenden stark sanktioniert.

Mit unseren Begegnungen beabsichtigten wir einerseits, die Gruppe theatral zum kulturellen Austausch zu leiten und ihnen mit körperbetonten Übungen neue Erfahrungsräume in internationalen und sozialen Bereichen zu ermöglichen. Andererseits geben wir ihnen anregende Angebote vor, sich mit globalen, politischen, ökonomischen und sozialen Inhalten kritisch auseinanderzusetzen. Diese  Auseinandersetzung der Jugendlichen mit politischen und sozialen Problemlagen gelingt.

Aspekte wie Diskriminierung, Dekategorisierung, politische Ungerechtigkeit, Diskrepanzen zwischen Geschlechterrollen und Fremdenfeindlichkeit wurden angesprochen und bearbeitet. Die Jugendlichen lernen einander kennen, sie tauschen sich aus und Freundschaften entstehen. So werden Ängste und Vorurteile gegenüber dem  „Fremden“ abgebaut und Empathie aufgebaut, um einen gemeinsames Denken hinsichtlich der Zukunft zu schaffen und Fremdenfeindlichkeiten entgegenzuwirken.

Die Evaluation des Projektes ergibt eine insgesamt positive Rückmeldung der Jugendlichen. Überrascht wurden wir durch eine 100-Prozent-Angabe in der Evaluation unseres Programms bei der Frage zum Interesse, die andere Sprache kennenlernen zu wollen – eine für uns überzeugende Kompetenz unseres Begegnungsprogramms.

Dettmar Koch ist Theaterpädagoge und Geschäftsführer der Bildungsstätte „Weiße Rose 1 – Internationales Jugendprojektehaus“ des Jugendkulturarbeit e. V. in Oldenburg (Niedersachsen).

Weitere Informationen

Jugendkulturarbeit e. V.

Film „To tylko gra / Alles nur ein Spiel / Це лише гра“ des Deutsch-Polnischen Jugendwerks über„Schwalbe“ (YouTube)

Foto: © Deutsch-Polnisches Jugendwerk


495 mal gelesen

nach oben | zurück

/// TERMINKALENDER


Preisverleihung „Rauskommen! Der Jugendkunstschuleffekt“
20.11.2017 - Leipzig
Der Bundespreis für Innovationen in Jugendkunstschulen und k...

Tagung „jetzt! 1. Hamburger Kulturgipfel“
21.11.2017 09:30 - 16:00 Hamburg
Kulturelle Bildung an Schulen weiterdenken und fest veranker...

Workshops zu Inklusion und Medien
22.11.2017–01.02.2018 - Berlin
Mit einer Workshop-Reihe will die Stiftung „barrierefrei kom...





/// SOCIAL MEDIA


       

Diversität anerkennen
Inklusion umsetzen
Zusammenhalt stärken
Seite drucken | PDF der Seite erstellen | Seite empfehlen deliciousWhatsapp | Jobs | Kontakt | Sitemap | Impressum | Datenschutz