KOOPERATIONEN UND
BILDUNGSLANDSCHAFTEN

 BKJ    Weitere Aktivitäten im Fachbereich Kooperationen und Bildungslandschaften



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Stellungnahme der Fachorganisationen kultureller Kinder- und Jugendbildung

Die Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ) tritt mit ihrem Mitgliedernetzwerk für eine kinder- und jugendgerechte Ganztagsbildung ein. Die Mitglieder der BKJ fordern eine jugendpolitische Perspektive für die im Koalitionsvertrag der Bundesregierung angekündigte Offensive für ganztägige Bildung. Das bedeutet vor allem, die Bedürfnisse und Interessen von Kindern und Jugendlichen ins Zentrum zu rücken und den Ganztag nicht auf Betreuung und damit auf familien- und arbeitsmarktpolitische Ziele zu verengen. Jugendgerechte Ganztagsbildung braucht die gleichberechtigte Kooperation von Schule und Kinder- und Jugendhilfe. Kulturelle Kinder- und Jugendbildung ist dabei ein wichtiger Faktor neben anderen Bereichen der Kinder- und Jugendarbeit, wie z. B. Sport, Jugendverbandsarbeit oder politische Bildung.

Ganztagsbildung bedeutet für die BKJ, dass der „ganze Tag“ in den Blick genommen wird. Der weite Bildungsbegriff der Jugendarbeit sollte deutlich stärker als bisher Grundlage ganztägiger Bildung werden. Nur im Zusammenspiel von Kindertagesstätten, (Ganztags-)Schulen, außerschulischen Einrichtungen und Angeboten, selbstorganisierten Freiräumen und Familien entstehen Bildungslandschaften, die ein ausgewogenes Verhältnis von formalen, non-formalen und informellen Bildungsorten ermöglichen. Ziel der BKJ ist dabei, dass alle Kinder und Jugendlichen niedrigschwellige Zugänge zu Künsten, Kultur, Medien und Spiel und ein breites und qualitätsvolles Angebot Kultureller Bildung erhalten.

Damit verbunden ist der Auftrag, dass die Akteure der Kulturellen Bildung ihre Kompetenzen in der ganztägigen Bildung entfalten: Die Expertise der kulturellen Kinder- und Jugendbildung für die Lebenslagen und Bedingungen des Aufwachsens muss in der Konzeption und Umsetzung von Ganztagsbildung eine wichtige Rolle einnehmen. Das setzt voraus, dass sich Verbände, Einrichtungen und Praktiker*innen aktiv an der Bildungsdebatte beteiligen und dass sie in Ganztagsschulen und Bildungslandschaften konzeptionelle und strukturelle Verantwortung übernehmen. Sie tun dies mit folgenden Grundsätzen für gute Ganztagsbildung. Aus ihnen ergeben sich nicht nur konkrete Aufträge für die kulturelle Kinder- und Jugendbildung als Teil der Kinder- und Jugendhilfe, sondern auch für die Träger von Ganztagsbetreuung und -bildung sowie für Politik und Verwaltung.

Grundsätze für gute Ganztagsbildung

Ganztagsbildung muss Kindheit und Jugend ermöglichen. Schulische und außerschulische Bildungseinrichtungen sollten anregende Lebensorte sein, in denen sich Kinder und Jugendliche ihren Rechten, individuellen Interessen und Entwicklungsaufgaben entsprechend entfalten können, in denen sie aber auch gesellschaftliche Anforderungen bewältigen lernen und in denen Bildung zugleich nicht auf (ökonomische) Verwertbarkeit fokussiert wird. Kulturelle Bildungspraxis gestaltet diese Lebensorte mit – gemäß den Prinzipien der Jugendarbeit wie Freiwilligkeit, Stärkenorientierung, Fehlerfreundlichkeit, Partizipation, Selbstbestimmung und Emanzipation.

Ganztagsbildung ist mehr als Ganztagsschule und Ganztagsbetreuung. Sie braucht attraktive pädagogische Konzepte. Bildung ist Selbst-Bildung. Prozesse der Selbst-Bildung sind ebenso verschieden wie Kinder und Jugendliche selbst. Um von Anfang an vielfältige Erfahrungen sammeln und sich individuell gut entwickeln zu können, brauchen junge Menschen daher zusätzlich zu Kindertagesstätten, Schulen und Horten vielseitige und anregende Bildungsanlässe und -angebote. Hier spielt die enorme Vielfalt der Kulturellen Bildung[1] eine wichtige Rolle. Dies ist nur durch eine plurale Trägerlandschaft möglich, die vor allem in der Jugend- und der Kulturarbeit verankert ist.

Ganztagsbildung gelingt nur durch Partizipation. Selbst-Bildung setzt Selbstbestimmung voraus. Bildungsangebote müssen attraktiv und anregend gestaltet sein, damit sie angenommen werden. Dies wird vor allem dadurch erreicht, dass die Nutzer*innen die Bildungsprogramme und -angebote aktiv mitbestimmen und -gestalten können. Die Akteure der Kulturellen Bildung entwickeln und reflektieren Beteiligungsmöglichkeiten und geben jungen Menschen damit eine gewichtige Stimme.

Ganztagsbildung muss Auswahl und Freiräume sichern. Für Kinder und Jugendliche ist es wesentlich, Bildungsprozesse ihren Interessen und Stärken entsprechend selbstbestimmt gestalten zu können. Dafür benötigen sie Wahlmöglichkeiten innerhalb einer vielfältigen Einrichtungs- und Angebotslandschaft. Außerdem müssen dafür offene Settings in schulischen und außerschulischen Bildungsorten und vor allem Zeiten und Freiräume, die nicht durch Erwachsene vorbestimmt sind, ermöglicht, ausgebaut und fest in Ganztagsbildungskonzepte integriert werden. Wahlfreiheit und Freiräume sind wesentliche Dimensionen von Selbstbestimmung in der kulturellen Kinder- und Jugendbildung.

Ganztagsbildung benötigt konsequente Teilhabeorientierung. Kinder und Jugendliche dürfen nicht aufgrund ihrer ökonomischen, kulturellen oder sozialen Voraussetzungen von schulischen und außerschulischen Bildungsangeboten ausgeschlossen werden oder sich ausgeschlossen fühlen. Einrichtungen und Angebote müssen für sie annehmbar sein. Dafür müssen nicht nur die Einstiege niedrigschwellig gestaltet und die Inhalte und Methoden diversitätssensibel ausgerichtet sein. Vielmehr geht es darum, strukturelle, organisatorische und organisationskulturelle Voraussetzungen für Inklusion und Teilhabe zu schaffen, indem v. a. Diskriminierungen reflektiert und abgebaut werden. Dieser Aufgaben nehmen sich die Akteure der Kulturellen Bildung an.

Ganztagsbildung muss einen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt leisten. Jugendpolitisch fundierte Bildung setzt sich unmittelbar mit dem Zusammenleben und mit gesellschaftlichen Fragen auseinander. Indem Themen und Lebenslagen junger Menschen aufgegriffen, indem ihre Haltungen und Meinungen öffentlich sichtbar gemacht und indem Begegnungen in heterogenen Gruppen ermöglicht werden, bieten schulische und außerschulische kulturelle Bildungseinrichtungen und -angebote ein Forum dafür, Perspektiven zu erweitern, Konflikte auszuhandeln und demokratische Haltungen zu entwickeln.

Ganztagsbildung ist ohne Kulturelle Bildung nicht denkbar. Künste, Kultur, Medien und Spiel sind eng mit den Lebenswelten junger Menschen und dem Aufwachsen verbunden. Sie bieten wichtige Lern- und Erfahrungsräume für Kinder und Jugendliche. Schulische Angebote der Kulturellen Bildung sind deshalb verlässlich v. a. im künstlerischen Fachunterricht, in Projekten und Arbeitsgemeinschaften zu verankern. Mit ihren Prinzipien und offenen Herangehensweisen, Inhalten und Methoden, Fachkräften und Bildungsorten schafft Kulturelle Bildung anregende Bildungsgelegenheiten, in denen sich Kinder und Jugendliche positionieren und individuell gestärkt werden können. Unabhängig davon, ob Kinder und Jugendliche Halbtags- oder Ganztagsschulen besuchen: Außerschulische kulturelle Bildungseinrichtungen und -angebote sind ebenso unerlässlich. Sie müssen gesichert und ausgebaut werden, auch damit kinder- und jugendkulturelle Ausdrucksformen größere Anerkennung und Berücksichtigung finden.

Akteure der kulturellen Kinder- und Jugendbildung müssen in der Ganztagsbildung mitentscheiden. Sie sind bedeutende Gestalter von Ganztagsbildung, denn ihre Konzepte gründen auf Kinder- und Jugendrechten und damit auf der Beteiligung, den Lebenslagen und den Interessen von Kindern und Jugendlichen. Damit diese Expertise für ganztägige Bildung wirksam wird, muss sie in Ganztagsschulen und Bildungslandschaften anerkannt und strukturell verankert werden. Das ist nur möglich, indem Verbände, Träger und Einrichtungen der Kulturellen Bildung in den unterschiedlichen Steuerungsmodellen und -ebenen für Ganztagsbildung mitentscheiden. Gute Ganztagsbildung gelingt nur in gemeinsamer Verantwortung. Deshalb müssen Bildungsplanung, Kinder- und Jugendhilfeplanung sowie Kulturplanung miteinander verbunden werden.

Ganztagsbildung setzt Kooperation und Koproduktion voraus. Durch Kooperationen bereichern außerschulische Akteur*innen den Bildungsalltag von Kindern und Jugendlichen in Kindertagesstätten, Schulen und Bildungslandschaften. Kooperationen können unterschiedliche Interessen von Kindern und Jugendlichen berücksichtigen, Zugänge und das Angebotsspektrum erweitern. Sie können Bildungskonzepte in den Lebenswelten und im Sozialraum verankern, Qualität sichern und nachhaltige Teilhabe ermöglichen. In der Vernetzung und Zusammenarbeit unterschiedlicher Trägerstrukturen ist darauf zu achten, dass vielfältige Angebote unterbreitet werden, die im Sinne umfassender Bildung ineinander greifen bzw. sich ergänzen. Das setzt verbindliche und gleichberechtigte Kooperationsstrukturen voraus.

Kooperation in der Ganztagsbildung benötigt starke außerschulische Partner, Organisationsentwicklung und Verantwortungsübernahme. Träger und Organisationen sollten sich kooperativ, nachhaltig und multiprofessionell aufstellen. Darüber hinaus müssen Kooperationen gemeinsam verantwortet und gesteuert werden. Dazu sind ergänzende fachliche Unterstützungs-, Beratungs- und Begleitstrukturen auf kommunaler, Länder- und Bundesebene notwendig.

In die Strukturen und Qualität von Ganztagsbildung und Kulturelle Bildung muss investiert werden. Investitionen in das gelingende Aufwachsen sind Zukunftsinvestitionen in unsere Gesellschaft. Um Ganztagsbildung und kulturelle Bildungsangebote verlässlich und nachhaltig für Kinder und Jugendliche wirksam werden zu lassen, braucht es langfristig abgesicherte Einrichtungen und Angebote, die im Rahmen der Schulgesetze, auf Grundlage des Kinder- und Jugendhilfegesetzes und in der Kulturplanung eigenständig zu fördern sind. Dabei darf die Kinder- und Jugendhilfe gerade bezogen auf die Ganztagsschule nicht zum Ausfallbürgen mangelnder Ressourcen werden. Zugleich muss Qualität gesichert und entwickelt werden. Dafür gilt es, Ausbildung und Qualifizierung zu fördern und die angemessene Bezahlung von Fachkräften zu gewährleisten. Betreuungsschlüssel, die individuelle Förderung ermöglichen, müssen anerkannt und adäquate Räume und Materialien sichergestellt werden.

Kinder- und jugendgerechte Ganztagsbildung ist ein gesamtgesellschaftlicher Auftrag. Ganztagsbildung und die Durchsetzung der Rechte junger Menschen erfordern, dass außerschulische und schulische Träger gemeinsam Verantwortung übernehmen und dass Zivilgesellschaft und Staat, Bund, Länder und Kommunen kontinuierlich und verlässlich zusammenwirken. Zuständigkeit und Verantwortung dafür liegen nicht allein in der Schul- und Jugendpolitik. Familien- und Sozialpolitik, aber auch Arbeitsmarkt-, Wirtschafts-, Gesundheitspolitik und Stadtentwicklung sowie der Kulturbereich sind gefordert, daran mitzuwirken.

Diese Stellungnahme wurde im BKJ-Fachausschuss „Kooperationen und Bildungslandschaften“ erarbeitet und von der BKJ-Mitgliederversammlung am 17. März 2018 in Remscheid verbschiedet.

Download

BKJ-Stellungnahme „Zukunft Ganztag? Bildung kinder- und jugendgerecht gestalten“: [ PDF-Dokument | 3 Seiten | 90 KB ]


 

[1] Kulturelle Bildung findet in der Schule im künstlerischen Fachunterricht und in Arbeitsgemeinschaften statt, sowie darüber hinaus in Projekten, weiteren Unterrichtsfächern und jugendkulturellen Formaten. Auch in der Freizeit von Kindern und Jugendlichen sind Künste, Kultur, Medien und Spiel vielfältig vertreten. Kulturelle Bildung wird hier durch Eltern oder die jungen Menschen eigenständig organisiert. Unterschiedliche Träger aus dem Jugend- und Kulturbereich, öffentliche Einrichtungen und freie Träger, Haupt- und Ehrenamtliche, freischaffende Kulturpädagog*innen und Künstler*innen übernehmen hierfür Verantwortung und unterbreiten eigenständig oder in Kooperationen mit Kindertagesstätten, Schulen, offenen Ganztagsmodellen und Horten vielfältige Angebote.



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