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Partizipation

Aus dem Glossar Kulturelle Schulentwicklung.

Wie viele Begriffe hat auch der Begriff der Partizipation nicht nur unterschiedliche Dimensionen, die dazu führen, dass unterschiedliche Felder und Wissenschaftsdisziplinen nicht immer identische Bedeutungen verwenden. Es gibt zudem auch Konjunkturen, bei denen Begriffe in den Vordergrund treten oder an öffentlicher Relevanz verlieren. So kann man bei dem Begriff der Partizipation zumindest eine politische und eine pädagogische Verwendungsweise feststellen. In politischer Hinsicht scheint zurzeit der Begriff der Teilhabe ein stückweit "Partizipation" verdrängt zu haben, dagegen erfreut er sich in der Pädagogik sowohl als Ziel als auch als methodisch-didaktisches Prinzip großer Beliebtheit. Bei letzterem ist zudem zu unterscheiden, dass Partizipation gelernt werden kann, dass Partizipation aber auch eine Methode ist, um andere Lernziele zu erreichen. Gemeinsamer Kern der politischen und der pädagogischen Verwendung ist der Gedanke, der in den lateinischen Wurzeln des Begriffs zu finden ist: Ein pars ist ein Teil. Wer von einem Teil spricht, muss das Ganze sofort mitdenken: Es geht also um die Beziehung des Einzelnen zu einem Ganzen, wobei das Ganze ein sozialer Zusammenhang ist (Klasse, Gruppe, Bevölkerung etc.). In politischer Hinsicht ist auf das Grundlagenwerk von Volker Gerhardt (2007) hinzuweisen, der Partizipation – in Verbindung mit seinem später thematisierten Konzept der "Öffentlichkeit" (2012) – als Grundlage einer jeglichen politischen Gestaltung diskutiert. Dabei wird der auch für die Pädagogik zentrale Gedanke begründet, dass es keinen Gegensatz zwischen dem Einzelnen und dem jeweiligen Ganzen geben kann: Der Einzelne konstituiert seine Subjektivität nur im Umgang mit Anderen, und umgekehrt wird auch das Ganze nur durch die Aktivitäten der Einzelnen lebendig. Insbesondere bietet die ästhetische Praxis besondere Möglichkeiten, sich in diese Beziehung Einzelner-Ganzes einzuklinken. Denn ästhetische Praxis hat es mit Sinnlichkeit zu tun, also mit der Wahrnehmung von Dingen und Prozessen, die öffentlich zugänglich sind und an denen man daher teilhaben kann. In einer Kulturschule, die auf dem zentralen Prinzip des Ästhetischen aufbaut, erfüllt man daher zwanglos die genannten Leitideen der Partizipation und der Öffentlichkeit. Dies sollte auch dadurch unterstützt werden, dass diese implizite politische Dimension einer pädagogischen ästhetischen Praxis im Alltag der Kulturschule sichtbar wird, nämlich als Konzept einer demokratischen Schule ganz so, wie es der amerikanische Philosoph und Pädagoge John Dewey formuliert hat: Die Schule als embryonic society. Dies bedeutet ganz praktisch, dass man erhebliche Anstrengungen unternehmen muss, alle Akteure rund um die Schule (Schüler*innen, Lehrer*innen, andere pädagogische Fachkräfte, Eltern etc.) in die Gestaltungsprozesse einzubinden.

MF 2/2013 

 

Zum Weiterlesen:

von Schwanenflügel, L./Walther, A. (2012): Partizipation und Teilhabe. In Bockhorst u.a. (Hg.:): Handbuch Kulturelle Bildung. München.

Gerhardt, V. (2012): Partizipation. Das Prinzip der Politik. München 2007Gerhardt, V.: Öffentlichkeit. Die politische Form des Bewusstseins. München.

Gerhardt, V. (2000): Individualität. Das Element der Welt. München.

Edelstein, W. u.a. (Hg.): Praxisbuch Demokratiepädagogik. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung. 2009.

 

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