KULTURELLE SCHULENTWICKLUNG /// GLOSSAR >>
Inklusion

Aus dem Glossar Kulturelle Schulentwicklung.

Individuelle Sichtweisen auf die Welt und das Spiel mit der Vielfalt persönlicher Arten und Weisen, sich mitzuteilen, sind unverzichtbare Grundlagen aller künstlerischen Prozesse. Es liegt deshalb nahe, die Verbindung von Kultureller Bildung und Schule auf ihr Potenzial für einen wertschätzenden Umgang mit Vielfalt (Diversität) und individueller Förderung in Schulen zu befragen. Schulen mit einem künstlerisch-kulturellem Profil stehen vor der Chance und der Herausforderung von der Anerkennung und Wertschätzung der individuellen Sichtweisen, Bedürfnisse und Handlungsmöglichkeiten ihrer SchülerInnen auszugehen. Eine "Kulturschule" sollte im Sinne der Kulturellen Bildung daher immer eine vom Gedanken der Inklusion geleitete Schule sein.

Inklusion bedeutet, an allen gesellschaftlichen Orten Voraussetzungen zu schaffen, die jeden Menschen von Anfang an und unabhängig von individuellen Fähigkeiten, ethnischer wie sozialer Herkunft, Geschlecht, sexueller Orientierung oder Alter willkommen heißen. Dies beinhaltet, dass jeder Mensch die Möglichkeit erhält, sich vollständig und gleichberechtigt an allen gesellschaftlichen Prozessen zu beteiligen (vgl. www.aktion-mensch.de). Inklusion bedeutet eine konsequente Orientierung auf Vielfalt (Diversity) als menschlichen Normalfall in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens.

Für die pädagogische Praxis ist mit Inklusion daher die Erweiterung der auf die Lernleistungen des Individuums fokussierten Perspektive hin zu einer systemischen Einbettung und Reflexion des individuellen Bildungsprozesses verbunden. "Anerkennung von Individualität in der Gemeinsamkeit" (GEW 2003, S. 20) lautet die Orientierung der Inklusionspädagogik. Damit sind weit reichende Folgen sowohl für die professionelle Organisation von Bildungsprozessen als auch für die der Bildungsinstitutionen selbst verbunden. Denn wer Individualität und Gemeinsamkeit zugleich ermöglichen will, kommt nicht umhin eine grundlegende Debatte um die Definition von Normalität bzw. den Umgang mit Unterschiedlichkeit zu führen. Dies stellt besonders die Schule als auf Vergleichbarkeit und Bewertbarkeit ausgerichteter Lern- und Bildungsort vor Herausforderungen. Dass aber Gemeinsamkeit eine Voraussetzung für die Anerkennung von Individualität ist, zeigen die problematischen Erfahrungen der Integrationspädagogik gerade auch im schulischen Bereich. Mit dem Ziel, die Separation benachteiligter Schüler*innen zu überwinden und eine bestmögliche Förderung zu gewährleisten, wird in der Integrationspädagogik zwischen Schüler*innen mit bzw. ohne sonderpädagogischen Förderbedarf unterschieden. Damit einher geht jedoch ein Bumerangeffekt den Andreas Hinz im Begriff der "Zwei-Gruppen-Theorie" (Hinz 2004, S. 3) zusammenfasst. Denn in der Unterscheidung zwischen Sonderschüler*innen und "normalen" Schüler*innen wird zugleich eine weitere Unterscheidung zementiert (s. Abb. 1 unten: Inklusion, vgl. Burow 2011, S. 208, nach Boban/Hinz 2004): "Schüler*innen, die innerhalb des Systems vollberechtigt sind, und andere, die außerhalb stehen und sich zu integrieren haben" (Burow 2011, 208).

In diesem Sinne ist es die Ausrichtung auf Gemeinsamkeit (s.o.) der inklusionsgeleiteten Perspektive, die eine individuelle Förderung ermöglicht, ohne in die Falle einer Parallelstruktur von „normalen“ und „nichtnormalen“ Schüler*innen ein und derselben Schule – letztlich ein und derselben Gesellschaft zu geraten. „Alle Beteiligte sind Betroffene, die sich durch eine umfassende Wahrnehmung und Gestaltung der Welt gegenseitig ergänzen“, so Anne Sliwka (ebd.).

Die UNESCO skizziert für Bildung aus Perspektive der Inklusion einen bildungspolitischen Wirkungszusammenhang, der in dem intrinsisch motivierten Einsatz der Zivilgesellschaft, i.e. ihre Einrichtungen und Individuen, für die fortlaufende Förderung von Inklusion mündet (s. Abb. 2 unten, vgl. DUK 2009): 15. Mit Hilfe der Grafik wird verdeutlicht, dass dies zum einen rechtlicher und infrastruktureller Voraussetzungen bedarf. Zum anderen wird aber ebenso sichtbar, dass die Sicherung und Ausgestaltung dieser Voraussetzungen gleichermaßen auf die aktive Teilhabe aller angewiesen ist.

Für den schulischen Bereich ist besonders auf die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung (2006) hinzuweisen. Alle Vertragsstaaten sind aufgefordert, erhebliche Anstrengungen im Schulbereich zu unternehmen. Die Bundesländer sind demnach verpflichtet, ihre Schulgesetze anzupassen und Voraussetzungen für den gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne besonderen Förderbedarf zu schaffen (vgl. www.aktion-mensch.de)

TB 4/2013

 

Zum Weiterlesen:

Boban, Ines/Hinz, Andreas (2003): Index für Inklusion. Lernen und Teilhabe in Schule der Vielfalt entwickeln. [ Mehr ... ]

Boban, Ines/Hinz, Andreas (2004): Qualität des Gemeinsamen Unterrichts (weiter-) entwickeln – Inklusion. In: Leben mit Down-Syndrom Nr. 45, Jan. 2004.

Braun, Tom (2012): Inklusion als systematischer Ansatz einer kulturellen Schulentwicklung. In: Stutz, Ulrike, Kunstpädagogik im Kontext von Ganztagsbildung und Sozialraumorientierung, München: Kopaed-Verlag.

Burow, Olaf-Axel (2011): Positive Pädagogik. Weinheim: Beltz.

Deutsche UNESCO-Kommission (DUK) (2010): UNESCO-Weltbericht Bildung für Alle. Ausgeschlossene einbinden. Bonn: DUK.

Deutsche UNESCO-Kommission (DUK) (2009): Inklusion: Leitlinien für die Bildungspolitik. Bonn: DUK.

Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) (2003): Gemeinsamen Unterricht entwickeln. Beschluss des GEW-Hauptvorstandes vom 28. Februar 2003. Frankfurt/M: GEW.

Sliwka, Anne/Klopsch, Britta (2011): Neue Schulkultur(en) entwickeln. Diversität, Lernen und Teilhabe in einer guten Schule. In: Braun, Tom (Hrsg.) (2011): Lebenskunst lernen in der Schule. Mehr Chancen durch Kulturelle Schulentwicklung (S. 285-300). München: Kopaed-Verlag.

World Conference on Education for All. Meeting Basic Learning Needs (1990): World Declaration for All and Framework for Action to Meet Basic Learning Needs. New York: Inter-Agency Commission for the World Conference of Education for All.

Schaubild Inklusion (1)
Schaubild Inklusion (2)

Öffnet internen Link im aktuellen FensterZurück zum Glossar