KOOPERATIONEN UND
BILDUNGSLANDSCHAFTEN

 BKJ    Weitere Aktivitäten im Fachbereich Kooperationen und Bildungslandschaften



Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.


bkj.de
KULTURELLE SCHULENTWICKLUNG /// GLOSSAR >>
Glück, Lebenskunst, Wohlergehen ("Well-Being")

Aus dem Glossar Kulturelle Schulentwicklung.

Die drei in der Überschrift genannten Begriffe haben gemeinsam, dass sie die Qualität des individuellen Lebens charakterisieren. Allerdings stammen sie aus unterschiedlichen Kontexten und werden zurzeit in verschiedenen Arbeitsfeldern schwerpunktmäßig verwendet.

"Glück" ist der traditionsreichste der Begriffe. Seine Diskussion lässt sich bis in die Frühzeit des systematischen Philosophierens zurückverfolgen und steht in den Ethiken der großen griechischen Philosophen, v.a. in der Nikomachischen Ethik des Aristoteles, im Mittelpunkt. Dieser historische Hinweis ist deshalb wichtig, weil er zeigt, dass Philosophie als Selbstreflexion des Menschen letztlich immer dessen existentielle Lage ("Was kann ich wissen? Was soll ich tun?" etc.) als zentrales Problem erfasst. Es geht um die nach wie vor wichtige, vielleicht sogar zentrale Frage nach "dem guten Leben in einer wohlgeordneten Gesellschaft". Wichtig ist die genaue Formulierung dieser Fragestellung, weil es nicht um den isolierten Einzelnen oder bloß um abstrakte Strukturen, die den Einzelnen ignorieren, geht, sondern um eine Zusammenführung der individuumsbezogenen und gesellschaftlichen Perspektive. Diese respektiert, dass jeder sein Leben selbst führen muss, dass dies aber nur unter bestimmten Rahmenbedingungen gelingen kann und sich Individualität nur im sozialen Kontext herausbildet.

"Lebenskunst" wurde – von esoterischen Verwendungsweisen abgesehen – mit der Prominenz des (Spät-)Werkes von Michel Foucault mit seinen starken Bezügen zu Friedrich Nietzsche relevant. Es geht um eine Wiederaufnahme des traditionellen Themas der griechischen Philosophie, um die "Sorge um sich" und um Techniken, wie diese Sorge ganz konkret realisiert werden kann.

Das "Wohlergehen" (Well-Being) ist zurzeit vor allem im Kontext der Jugend- und Sozialarbeit ein Thema. Auch hier lassen sich Traditionen identifizieren, die etwa mit der Thematisierung der Lebensqualität in den 1970er Jahren (etwa durch Willy Brandt) einen ersten Höhepunkt haben. Dahinter steckte eine manifeste Krise des westlichen Modernisierungspfades ("Grenzen des Wachstums", Club of Rome), die dazu führte, dass eine rein quantitative Betrachtung individueller Lebensqualität (Lebensstandard als Bruttosozialprodukt pro Kopf) zur Erfassung von Lebenszufriedenheit nicht mehr als hinreichend angesehen wurde. Die heutige beginnende Konjunktur von "Wohlergehen" erhielt starke Impulse etwa durch den 13. Kinder- und Jugendbericht des Bundes (KJB) mit seinem Schwerpunkt Gesundheit (Leitung: Heiner Keupp). Seither ringt man darum, die Gesundheitsdefinition der Weltgesundheitsorganisation (Gesundheit ist mehr als die Abwesenheit von Krankheit) präziser zu fassen, u.a. zu definieren, was dieses "Mehr" ist, das Gesundheit von der Abwesenheit von Krankheit bestimmt. Anschlussfähig ist diese Debatte gerade in der Jugendhilfe deshalb, weil der zentrale Begriff des "Kindswohls" damit aus einer weiteren fachlichen Perspektive gefasst und präzisiert werden kann. Zu diesem Diskurs-Kontext gehört die seit den 1990er Jahren mit dem ersten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung und dem 10. Kinder- und Jugendbericht des Bundes erneut auf die Tagesordnung gesetzte Debatte über Kinderarmut. Allerdings zeigen aktuelle Verwendungsweisen des Wohlergehenskonzeptes, dass man ähnliche Probleme wie bei der WHO-Definition von Gesundheit hat. Das "Wohlergehen" wird nämlich in jugendpolitischen Kontexten häufig bloß als Beseitigung von Ursachen individuellen Leidens (Armut, Gewalt etc.) definiert, sodass sich die Frage stellt, ob Wohlergehen nicht ebenfalls mehr ist als die Abwesenheit einschränkender Rahmenbedingungen.

Es fließen also philosophische, v.a. moral-philosophische und ethische, psychologische, sozialwissenschaftliche und sozialpolitische Argumentationen in dieser Debatte zusammen. Pädagogisch relevant werden diese Debatten dort, wo sich pädagogische Ansätze, die ohnehin "das Subjekt im Mittelpunkt" sehen müssen, mit der normativen Frage des Entwicklungszieles von Pädagogik und mit Kriterien und Gelingensbedingungen des Aufwachsens befassen. Eine Sensibilisierung für anthropologische Grundlagen der Pädagogik (etwa durch die "Schwache Anthropologie" von A. Sen/M. Nussbaum und dem darauf aufbauenden Capability-Ansatz) gehört zu dieser Sensibilisierung dazu oder ist zumindest hilfreich bei der Klärung der normativen Grundlagen. Dies zeigt sich etwa daran, dass Sen an der Entwicklung des Human Development Indexes (HDI) der United Nation Development Organisation (UNDP) mitgewirkt hat, der in seinem Verständnis von Lebensqualität neben ökonomischen Indikatoren auch kulturelle und gesundheitliche Aspekte mit einbezieht. Hilfreich sind auch Konzepte, wie sie von Keupp und Mitarbeitern im genannten 13. KJB genutzt werden: die Salutogenese von Antonowski oder das Konzept der 5 C der "Positiven Jugendentwicklung" (Charakter, Vertrauen, Bindung, Fürsorge und Mitgefühl, Kompetenz).

Dass auch die Politik die Relevanz dieser Diskussion erkennt, sieht man daran, dass man das Wohlergehenskonzept etwa zur Bewertung familienpolitischer Maßnahmen (z.B. des Familiengeldes) nutzen will (vgl. Schönmilch u.a.: Wohlergehen von Kindern. Studie im Auftrag des BMFSFJ und des BMF. Berlin 2013). Pädagogik, Jugendhilfe, Sozialpolitik, Familienpolitik und andere Politikfelder könnten auch hier eine gemeinsame konzeptionelle Basis finden, und dies auch im internationalen Kontext, da die genannten Konzepte im Rahmen internationaler Organisationen (WHO, UNICEF, OECD, UNESCO, UNDP etc.) propagiert werden. Eine integrative und kohärente Jugend-, Bildungs-, Sozial- und Kulturpolitik scheint daher – zumindest im Hinblick auf die theoretischen und konzeptionellen Grundlagen – möglich zu sein.

Für die kulturelle Bildungsarbeit und speziell für die Kulturelle Schulentwicklung sind diese Debatten ausgesprochen anschlussfähig. Der Capability-Ansatz wurde bereits in den frühen 1990er Jahren von der BKJ genutzt und das Thema Lebenskunst wurde – freilich zunächst ohne Bezug auf Foucault – als explorativer Zugang zur Bildungsfrage seit Mitte der 1990er Jahre sowohl in der praktischen Arbeit als auch in den Versuchen einer theoretischen Grundlegung der Kulturpädagogik ausgelotet.

Auch die Bemühungen um eine "Kulturschule" und eine entsprechende „Kulturelle Schulentwicklung“ schließen an diese konzeptionellen Grundlagenarbeiten an: Es geht um ein gehaltvolles Konzept von Bildung als Lebenskunst, zu dem auch und gerade die Schule einen Beitrag leisten muss. Von der Formulierung des Leitbildes "Kulturschule" über die Präzisierung des dazu notwendigen Umsetzungsverfahrens ("Prinzip Ästhetik" als Basis) bis hin zu Fragen einer (neuen) Professionalität der Lehrkräfte lassen sich Orientierungen in den Grundlagenarbeiten der BKJ zur Lebenskunst finden, die sich wiederum durch die hier angesprochenen Entwicklungen präzisieren und konkretisieren lassen. Unterstützt wird diese Ausrichtung durch eine Erziehungswissenschaft, die den Anspruch auf Glück auch und gerade für die Schule proklamiert (Burow: Positive Pädagogik, 2010).

MF 5/2013

 

Öffnet internen Link im aktuellen FensterZurück zum Glossar



nach oben | zurück
Diversität anerkennen
Inklusion umsetzen
Zusammenhalt stärken
Seite drucken | PDF der Seite erstellen | Seite empfehlen deliciousWhatsapp | Kontakt | Sitemap | Impressum | Datenschutz