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Interview

„Von wegen kein Interesse – eher jahrzehntelange finanzielle Austrocknung“

20.08.19

Prof. Dr. Andreas Thimmel spricht über Qualität im internationalen Jugendaustausch und die von ihm mitverantwortete „Zugangsstudie“.

Porträt von Andreas Thimmel

Andreas Thimmel ist Professor für Wissenschaft der Sozialen Arbeit an der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften der Technischen Hochschule Köln.

© Sawatzki

Worum geht es in der Studie „Warum nicht? Studie zum internationalen Jugendaustausch: Zugänge und Barrieren“?

Erfahrungen aus der Praxis und bisherige Forschungsergebnisse legen die Vermutung nahe, dass Jugendliche aus eher unterprivilegierten Milieus, mit geringerem Bildungsniveau bzw. Jugendliche mit sogenanntem Migrationshintergrund in internationalen Angeboten der Jugendarbeit unterrepräsentiert sind. Aus dieser Vermutung kann aber leicht der — wie sich herausgestellt hat — falsche Schluss gezogen werden, dass die Jugendlichen kein Interesse an internationalen Aktivitäten hätten. Um der Sache wissenschaftlich auf den Grund zu gehen, haben wir ein Forschungskonsortium gegründet und sind dieser Frage nachgegangen. Der Begriff des Internationalen Jugendaustauschs bezieht sich dabei in unserer Studie auf alle organisierten Aktivitäten der internationalen Jugendarbeit und auf internationale Schulaktivitäten. Nicht in unserem Fokus stehen Reisen mit den Eltern oder dem Freundeskreis.
Das interdisziplinäre und multimethodische Forschungsdesign untersuchte folgende Leitfragen: Wer nimmt aktuell die Angebote des internationalen Jugendaustausches wahr? (SINUS, Forschungsverbund Freizeitenevaluation / i-EVAL) Wie erfahren Jugendliche von Angeboten des internationalen Jugendaustauschs? (SINUS, Forschungsverbund Freizeitenevaluation / i-EVAL) Was sind persönliche Hemmnisse für eine Nicht-Teilnahme? (Institut für Kooperationsmanagement (IKO) Was sind strukturelle Hemmnisse für eine Nicht-Teilnahme? (TH Köln, Forschungsschwerpunkt Nonformale Bildung)

Was sind die Ergebnisse dieser Studie? Wer nimmt bisher überwiegend an internationalen Jugendaustauschen teil und wer ist weniger vertreten?

In einer repräsentativen Befragung haben wir herauszufinden versucht, ob es wirklich — wie oft behauptet — große Interessensunterschiede in Bezug auf internationale Mobilität zwischen den unterschiedlichen Jugendlichen gibt. Um dies beantworten zu können, mussten wir viele Jugendliche erst einmal darüber informieren, welche Angebote der internationalen Jugendarbeit es überhaupt potentiell gibt.

Dabei wurde auch deutlich, dass nach Jahrzehnten der finanziellen und konzeptionellen Vernachlässigung der Jugendarbeit in Kommunen, Bundesländern und beim Bund das Wissen über die Chancen und das große Potential von Jugendarbeit bei den Jugendlichen oft nicht (mehr) vorhanden ist. Dieser Negativbefund trifft in besonderem Maße auf die Internationale Jugendarbeit zu und macht auch vor Fachkräften der Kinder- und Jugendhilfe nicht halt.

Im quantitativen Forschungsteil (SINUS) konnte gezeigt werden, dass sich die Mehrzahl der Jugendlichen prinzipiell für Aktivitäten des internationalen Jugendaustauschs interessieren. Dies gilt für Jugendliche aus allen Milieus und in allen formalen Bildungsstufen und nicht nur für Jugendliche mit hohem formalen Bildungsanspruch. Entgegen der weitläufigen Meinung, dass nicht teilnehmende Jugendliche kein Interesse an Internationalem Jugendaustausch haben, konnte die Studie erstmalig neben der aktuellen Zielgruppe, die schon immer am Jugendaustausch teilnimmt, zwei weitere Zielgruppen mit Interesse an organisierten Austauschformaten identifizieren.

Eines der wichtigsten Ergebnisse ist demnach: Die fehlende Teilnahme an bestehenden Projekten durch sogenannte nicht privilegierte Jugendliche liegt also nicht an dem fehlenden Interesse der jungen Erwachsenen, sondern ist eine Folge der jahrzehntelangen finanziellen Austrocknung der Jugendarbeit allgemein.

Es liegt aber zweitens auch an der fehlenden Wertschätzung des Internationalen in den Organisationen der Jugendarbeit und drittens an den bestehenden Formen der Angebote, die hauptsächlich organisatorischen und administrativen Erfordernissen folgen. Mit der Zugangsstudie können wir zeigen: Die Gründe für die Nichtteilnahme liegen in den Strukturen, Repräsentationen und Formaten.

Es gibt keine gravierenden Unterschiede im Hinblick auf den persönlichen Wert der internationalen Aktivitäten für Jugendliche aus unterschiedlichen Milieus. Jugendliche profitieren dann von dieser internationalen Erfahrung, wenn die Qualitätsmerkmale für Jugendarbeit im Allgemeinen und internationale Jugendarbeit im Besonderen von den Teamer*innen umgesetzt werden und die formalen und finanziellen Rahmenbedingungen eine gute Arbeit ermöglichen.

Eine große Rolle bei der Frage nach der individuellen Teilnahme oder Nichtteilnahme spielt die Finanzierung, unabhängig davon, ob und welchen Eigenanteil die teilnehmenden Jugendlichen tatsächlich zahlen müssen. Auf der Seite der Organisationen bzw. Träger spielen ebenfalls Finanzierungsfragen, der hohe Organisationsaufwand und die fehlende Planungssicherheit für zukünftige Projekte eine große, die Mobilität behindernde Rolle.

Europa und Internationalität werden im Bereich der Jugendarbeit häufig noch wenig thematisiert und erscheinen eher als Teil eines elitären Programms und nicht als selbstverständlicher Bestandteil politischer und allgemeiner Jugendbildung. Dies gilt sowohl für Jugendverbandsarbeit, für kommunale Jugendarbeit und für Zusammenschlüsse von Jugendlichen auf lokaler Ebene.

Förderprogrammatisch zeigen sich hochschwellige und voraussetzungsvolle Zugänge zu internationalen Projekten. Da hilft auch keine noch so moderne Kommunikationsstrategie.

Die Zugangsstudie kann zusätzlich zeigen, dass Internationalität als Luxusaktivität diskursiv erzeugt wird und in den Vorstellungen von Expert*innen als Luxusaktivität oder on-top Maßnahme verhandelt wird. Die spezielle Förderlogik und Förderprogrammatik findet sich auch im Sprechen und Konstruieren des Internationalen. Die Interviews zeigen, dass die Frage nach Zugängen und Barrieren zu einem großen Teil nur denkbar und sagbar wird als Frage nach Zielgruppen bzw. sogenannten benachteiligten Jugendlichen. Dies lenkt aber (ungewollt) von den strukturellen Barrieren für eine internationale Jugendarbeit für alle ab.

Welche Handlungsableitungen ergeben sich daraus für die Praxis aber auch für die Fachpolitik, damit mehr Jugendliche von Auslandserfahrungen profitieren können und Zugangsbarrieren abgebaut werden?

Kinder- und Jugendreisen sowie Internationaler Jugendaustausch sollten als Einheit und nicht in Abgrenzung gesehen werden Es braucht eine Hinführung der Kinder und Jugendlichen zu einer gruppenbezogenen Auslandsaktivität. Hierzu bedarf es auch einer lokalen Vernetzung derjenigen Träger, die Angebote im Rahmen der Jugendarbeit machen. Dazu haben wir vom Forschungsschwerpunkt Nonformale Bildung das Konzept des „Mobilitätspuzzels“ im Sinne gegenseitig aufeinander verweisender Mobilitätsaktivitäten in die Diskussion eingebracht.

Zudem muss internationale Jugendarbeit viel stärker als bisher ganz normaler Bestandteil jeder Jugendarbeit werden.

Dazu gehört auch: Weg von der Anpassung der Jugendlichen bzw. der Jugendgruppen an die gegebenen und finanzierbaren Formate und z.B. vorrangig finanzierte Länderkooperationen, sondern hin zur Ermöglichung einer biografischen Einbettung internationaler Formate in den Gruppen- und Projektalltag.

Grundsätzlich braucht es dafür eine infrastrukturelle Finanzierung für Aktivitäten des Internationalen und nicht nur die bisher dominante projektbezogene Finanzierung. Schließlich sind der Aufbau und die Pflege von Partnerschaften mit Akteuren der Youth Work in den Partnerländern Ländern konstitutiv für eine gelingende internationale Maßnahme. Dabei sind Nachhaltigkeit und keine Projektförderung gefragt.

Welche grundlegenden Qualitätskriterien würden Sie für eine internationale Jugendbegegnung festlegen?

Die Vorschläge für Qualitätsmerkmale sind seit vielen Jahren in Praxis und Forschung bekannt. Hier sollen nur einige Überlegungen herausgegriffen werden. Die Besonderheit der internationalen Jugendbegegnung liegt im Konzept der Partnerschaftlichkeit mit der Organisation bzw. den Kolleg*innen, mit denen im Ausland zusammengearbeitet wird. Diese Zusammenarbeit ist immer auf Augenhöhe angelegt und partizipativ organisiert. In den internationalen Teams kommt es dabei zwischen den Partnern zu Irritationen. Dieses Spannungsverhältnis ist als nonformale Bildungsgelegenheit sowohl für Jugendliche als auch für Teamer*innen und weitere Verantwortliche produktiv zu nutzen.

Wann würden Sie sagen, dass eine internationale Jugendbegegnung gelungen ist?

In internationalen Jugendbegegnungen kommen alle Prinzipien qualitativ anspruchsvoller guter Jugendarbeit zur Geltung. Drei Merkmale sind hervorzuheben, die ich an anderer Stelle als reflexive Internationalität beschrieben habe: (1) Die Wertschätzung meiner Partner aus den anderen Ländern und ein historisches, politisches, kulturelles und sozioökonomisches Hintergrundwissen; (2) die Sensibilität und mitgebrachten Kompetenzen für Beziehungs- und Gruppenarbeit und (3) die kluge Organisation der Finanz- und Alltagsthemen, die eine Begegnung materiell erst möglich machen bzw. für ihr gutes Gelingen von großer Bedeutung sind.

Dieses Interview ist erstmals erschienen im Magazin von djo – Deutsche Jugend in Europa „Pfeil“ (Nr. 1, August 2019) im Rahmen des Themenschwerpunkts „Qualität im Internationalen Jugendaustausch“.

Weitere Informationen zur Zugangstudie sind auf der Website des Forschungsprojekts zu finden.

Zitiervorschlag

BKJ: „Von wegen kein Interesse – eher jahrzehntelange finanzielle Austrocknung“
https://www.bkj.de/internationales/wissensbasis/beitrag/von-wegen-kein-interesse-eher-jahrzehntelange-finanzielle-austrocknung/
Remscheid und Berlin, .

Typo: 246

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