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Aus der Praxis

Die Zukunft beginnt am Ende der Welt

Projekt „Future Lab Young Europe 2019“ (#FLYE19), ROOTS & ROUTES Cologne e. V., Baltrum/Köln

14.10.20

Das Ende der Welt befindet sich auch 2020 wieder auf Baltrum, einer autofreien, spärlich besiedelten Nordseeinsel.

Von Kathrin Köller

Wenn dort im November junge Kulturbegeisterte per Fähre ankommen, ihr Gepäck in die Pferdekutsche laden und zum vorletzten Haus der Insel wandern, um Kunst rund um die Zukunft zu entwickeln, dann sind die letzten Insulaner*innen im Urlaub, und direkt hinter dem Selbstversorgerhaus beginnt das Naturschutzgebiet.

Für die Teilnehmer*innen des Future Lab Young Europe fühlt es sich auf Baltrum fast so an, als ob sie selbst zu einer seltenen Spezies gehörten. Einige der jungen Künstler*innen hat diese Erfahrung von Abgeschiedenheit 2019 zu dem Film „Woman from the Future“ angeregt, in dem eine Frau mit dem Raumschiff auf der Erde landet, um sie herum nur Weite, Sand und ein paar Büsche. Sie spricht in ihr Aufnahmegerät „Tag 21: Ich habe bislang noch keinen Kontakt zu anderen Wesen aufnehmen können.“ Am Schluss begegnen ihr doch noch drei Menschen und ein Pferd, die sie in die Zukunft begleiten werden. Der Film, in dem auch gesellschaftliche Erwartungen an Frauen eine Rolle spielen, ist eine so leichte wie nachdenkliche Auseinandersetzung mit der Frage, was morgen eigentlich noch von der Zukunft übrig ist.

„Ich weiß nicht mehr genau, wo die Zukunft überhaupt herkam.“

„Woman from the Future“ ist als eine von vielen Gemeinschaftsarbeiten 2019 während des Future Labs auf Baltrum entstanden. Seit 2014 organisieren Janna Hadler und Sascha Düx vom Verein ROOTS & ROUTES Cologne (RRCGN) einmal im Jahr die Fahrten auf die Nordseeinsel und bringen Jugendliche und junge Erwachsene aus Europa zusammen. Nicht immer ging es dabei um die Zukunft. In den ersten Jahren setzten sich die jungen Europäer*innen mit Themen wie beispielsweise Rassismus, Islamophobie oder Gender und Sexualität auseinander. „Zukunft“ entstand als Reaktion auf den Wunsch, auch einmal zu einem etwas „leichteren“ Thema zu arbeiten. Inwiefern die jungen Künstler*innen die Zukunft im November 2020 nach den Erfahrungen mit der Corona-Krise weiterhin als „leichtes“ Thema betrachten werden, ist etwas, worauf das RRCGN-Team mit Neugier blickt. „Ich glaube, dass die Erfahrung von sozialer Distanz, von Isolation auf jeden Fall Auswirkungen auf die Beschäftigung mit der Zukunft hat“, glaubt Sascha Düx, und Janna Hadler ergänzt: „Für uns wird sehr spannend sein, was die Menschen, mit denen wir hoffentlich zusammenarbeiten können, 2020 aus der Zukunft machen und inwiefern bei den Jugendlichen ein Bedürfnis da sein wird, das Frühjahr 2020 mit Blick auf die Zukunft nochmals zu reflektieren. Oder vielleicht sagen die Leute, ich hab mich das ganze letzte halbe Jahr mit dem Thema Corona auseinandergesetzt, jetzt hab ich genug. Ich will jetzt was zum Klimawandel machen.“ Auch beide Reaktionen parallel seien denkbar.

Sowieso bietet das Future Lab Young Europe die Möglichkeit, sich auf vielfältige Weise mit der Zukunft auseinanderzusetzen. Die bunt zusammengewürfelte internationale Jugendgruppe, deren Mitglieder 2019 z. B. aus einem griechischen offenen Musiktheaterprojekt kamen, eine Berufsausbildung in den Niederlanden machten oder von ehemaligen Teilnehmer*innen in Deutschland geworben wurden, stiegen gleich zu Anfang künstlerisch in die Zukunft ein. Es gab nur einen großen leeren Saal, sie selbst, verschiedene Materialien und die Möglichkeit, Fundstücke von der Insel zu integrieren, um gemeinsam ein Zukunftsszenario zu entwickeln. Daraus entstanden dann schon die ersten Ideen von Zukunft: Eine Gruppe Jugendlicher baute ein Kino, in das man ging, wenn man etwas erleben wollte. So musste man beispielsweise nicht mehr in die Natur gehen, wenn man Natur sehen wollte, sondern man ging ins Kino und schaute sich dort Natur an. Eine Situation, die viele Menschen im Frühjahr 2020 ganz ähnlich erlebten, nur, dass dann auch noch der gemeinsame Ort Kino wegfiel und alles Erleben notgedrungen einsam über die häuslichen Bildschirme stattfand.

Einsamkeit erleben die jungen Zukunftsgestalter*innen auf Baltrum trotz oder vielleicht sogar gerade wegen der Abgeschiedenheit von der Welt nicht. Sie kochen gemeinsam, haben Küchendienst, es gibt keine Kneipe und keinen Späti um die Ecke. „Das führt dazu, dass die Gruppe sehr auf sich und ihr Thema konzentriert ist. Es gibt dem Ganzen eine andere Qualität, weil es eben nicht so viel Alternativprogramm gibt und es ist ein tolles Gefühl, dass man als Gruppe alles für sich selbst macht“, erläutert Janna Hadler.

Für uns wird sehr spannend sein, was die Menschen, mit denen wir hoffentlich zusammenarbeiten können, 2020 aus der Zukunft machen und inwiefern bei den Jugendlichen ein Bedürfnis da sein wird, das Frühjahr 2020 mit Blick auf die Zukunft nochmals zu reflektieren.

                              Janna Hadler

„Wir gestalten Möglichkeitsräume und ermutigen, Neues auszuprobieren.“

Über dieses gemeinsame Erleben entsteht Nähe und Vertrauen, die es ermöglichen, sich als kleine internationale Teams („Creation Groups“) zusammenzufinden und dann bis zum Ende der Baltrum-Zeit ein gemeinsames Werk zu erarbeiten.

Basis für die Ideenentwicklung der „Creation Groups“ sind zuvor gesammelte Schlüsselwörter. Die konkreten künstlerischen Projektideen werden auf dieser Grundlage eigenständig von den Teilnehmer*innen entwickelt. Ein künstlerisches Team aus Tanz-, Performance-, Musik- und Medienreferent*innen begleitet deren Ausarbeitung zu umsetzbaren Projektplänen und bietet zusätzlich inspirierende Workshops an. In regelmäßigen Feedbackgesprächen zwischen „Creation Groups“ und Team gibt es Anregungen, damit Projektideen nicht den Rahmen sprengen. Denn fertig werden muss das Ganze noch auf der Insel, bevor es zur Abschlusspräsentation in Köln kommt und sich dann alle wieder in Europa verstreuen.

Es entstehen Tanzperformances, Songs und Videoclips – die Zukunft erweist sich als äußerst vielseitig. In einem Videoprojekt hat sich die Menschheit evolutionär weiterentwickelt und ist pflanzenähnlicher geworden: Die Menschen leben mit ihrer Umwelt in größerer Harmonie und wachsen wie eine Pflanze. In einem anderen Video geht es um Erwartungen und deren Erfüllung, beziehungsweise Nicht-Erfüllung: Ein Plüschschwein fliegt durch die Luft und gegen einen Holzturm, der aber erstaunlicherweise nicht umkippt. Tatsächlich ein leichter, künstlerisch abgedrehter Umgang mit der Zukunft.

Und wie steht es um die eigene Zukunft der Beteiligten? Sie ist auf jeden Fall internationaler geworden. „Über soziale Medien sehen wir, dass jemand eine Produktion gepostet, eine andere ein Album herausgebracht hat und dann sehen wir, dass sie von jemand aus einem anderen Land gemixt wurde, die auch hier mit uns in Baltrum war“, berichtet Janna Hadler beglückt. Es entstehen Freundschaften und künstlerische Zusammenarbeiten und Sicherheit und Zutrauen zu sich selbst. „Die Videodokumentation über das Future Lab 2019 ist von einer Teilnehmerin gemacht, die zwei Jahre vorher auch schon dabei war. Damals noch schüchtern und unsicher, was ihre Fähigkeiten als Filmemacherin betraf. 2019, als es kein Geld für eine Video-Dokumentation gab, kam Penelope um die Ecke und sagte, passt auf Leute, ich mach das!“, erzählt Sascha Düx und freut sich, wenn das Wachsen durch das Projekt Zukunft so unmittelbar sichtbar wird.

Weitere Informationen:

A #FLYE19 movie auf Youtube: Woman from the Future

Future Lab Young Europe 2019 The Documentary

Der Beitrag ist erstveröffentlicht in: Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung e. V. (2020): Zukunft – jetzt utopisch gerecht No. 19, kubi – Magazin für Kulturelle Bildung. No. 19-2020. Berlin. S. 67-69.

Zitiervorschlag

BKJ: Die Zukunft beginnt am Ende der Welt
https://www.bkj.de/internationales/wissensbasis/beitrag/die-zukunft-beginnt-am-ende-der-welt/
Remscheid und Berlin, .

  • Corona-Krise
  • Medienbildung
  • Kultur macht stark
  • Jugendaustausch

BKJ-Inhalt

Typo: 246

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