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Aus der Praxis

„Der rein digitale Kontakt vermisst den Körper“

Projekt „T|RAUM|WEG|E“, KJT Dortmund und La Transplanisphère Paris

29.11.21

Wie geht internationaler jugend.kultur.austausch im digitalen Raum? Im Interview berichten Selma Dirb, Linda Nerlich und Lia Wiegand von ihren Erfahrungen im hybriden deutsch-französischen Theaterprojekt „T|RAUM|WEG|E“.

Selma Carlotta Lilian Dirb ist Schülerin aus Dortmund und langjährige Mitwirkende im internationalen Jugendtheaterprojekt „Europefiction“, in dessen Rahmen auch „T|RAUM|WEG|E“ stattfand.

Linda Nerlich ist Theaterpädagogin und -vermittlerin beim Kinder- und Jugendtheater am Theater Dortmund.

Lia Josephine Wiegand ist Schülerin und Teilnehmer*in des Projekts „T|RAUM|WEG|E“.

Ein Audiowalk ist quasi eine akustische Stadtführung per App. Das hat auf den ersten Blick nicht viel mit Theater zu tun. Welche Anknüpfungspunkte gibt es dennoch?

Linda: Wir erzählen ja nicht genau das, was auf dem Weg zu sehen ist, sondern wir nehmen die Menschen mit in eine Geschichte und erzählen diese Geschichte anhand dessen, was sie sehen. Eigentlich machen wir so eine Art Augmented Reality: die Realität wird zur Theaterbühne im eigenen Kopf.

Was sind das für Geschichten, die da erzählt werden? Darin geht es also gar nicht um die Orte, die besucht werden?

Selma: Wir haben uns vier Geschichten ausgedacht und jede bildet einen Handlungsstrang in dem Audiowalk. In meinem Teil geht es zum Beispiel um zwei Ermittlerinnen, die auf der Suche nach ihrer verlorenen Freundin sind. Auf dem Audiowalk befindet man sich dann auf dem Gelände des alten Hoesch-Parks in Dortmund. Die Ermittlerinnen gehen zuerst in der normalen Realität dort vorbei und sehen diese abgewrackten Fabrikgebäude und dann träumen sie und kommen an den gleichen Ort zurück. Und plötzlich ist es eine Traumfabrik und alles funktioniert.

Linda: Wichtig ist dabei die Interaktivität: Das Publikum entscheidet, wie die Geschichte weitergeht. Man kann etwa mit den Ermittlerinnen beginnen und die begegnen dann den Figuren der anderen Handlungsstränge. Und dann kann ich entscheiden, welchem Handlungsstrang ich weiter folge.

Lia und Selma, ihr habt ja eine Zeit hinter euch, in der ihr schon für die Schule dauernd am Computer sitzen musstet. Wie groß war da eigentlich die Begeisterung, an einem virtuellen Jugendaustausch teilzunehmen?

Lia: Ich fand es trotzdem wahnsinnig schön. Wir hatten am Anfang sehr viele Proben online, aber die hat Linda immer so gestaltet, dass wir Spaß haben konnten. Und als wir uns dann mit den anderen aus Frankreich zusammengeschaltet haben, hatten wir hier das Glück, dass wir schon wieder in Präsenz waren. Das heißt, wir saßen als Deutsche um den Tisch und dann hatten wir alle einen Laptop, auf dem wir die Franzosen gesehen haben. Wir waren also trotzdem in gewisser Art und Weise zusammen.

Selma: Ich kannte das Projekt schon vor Corona und weiß, dass es eigentlich ein sehr körperliches Projekt ist. Linda hat das neulich so schön gesagt: Europefiction ist eigentlich sich zusammen über den Boden rollen.

Ich bin auch deshalb dabeigeblieben, weil ich mich einfach so darauf freue, wenn Corona irgendwann vorbei ist oder es lockerer wird, dass wir uns dann wieder zusammen über den Boden rollen werden.

Selma

Und ich finde, dass der Austausch auch in Distanz gut geklappt hat. Wir haben online immer wieder Proben und Animationsspiele gemacht, wo man wusste, das ist jetzt keine Schule mehr, sondern eine Art von Entspannung: einfach zusammen den Abend verbringen und runterkommen von diesem ganzen Schulstress.

Könnt ihr beschreiben, was den Unterschied zwischen einer digitalen und einer „echten“ internationalen Begegnung ausmacht? Gibt es vielleicht auch Dinge, die digital gut waren und die ihr fortführen wollt, auch wenn wieder analoge Begegnungen möglich sind?

Lia: Es gibt ja eine Sprachbarriere, denn nicht alle in dem Projekt sprechen perfekt Französisch oder perfekt Deutsch. Als wir jetzt zum Teil in Breakout-Sessions mit einer Teilnehmerin oder einem Teilnehmer aus Frankreich zusammengeschaltet wurden, habe ich gemerkt, dass es ganz egal ist, in welcher Sprache man sich verständigt.

Ich war in der Eins-zu-eins-Situation weniger zurückhaltend, wenn es um die Kommunikation ging. Das fand ich sehr schön.

Lia

Linda: Bei den früheren Projekten waren die Treffen vor Ort ja die einzigen Begegnungen der beiden Gruppen und dazwischen ist nichts Begegnungsmäßiges passiert. In Zukunft, wenn wir uns zum Beispiel im Januar und dann wieder im Juni besuchen, könnten wir in der Zwischenzeit alle zwei, drei Wochen eine Probe machen, bei der wir uns gegenseitig zuschalten. Das sind Add-ons, die dann schön sind, wenn man sie machen kann – und nicht muss, weil nichts anderes geht.

Nicht nur die Organisation und die Zusammenarbeit im Projekt musste weitgehend digital ablaufen, auch das künstlerische Produkt ist ja ein Digitales. Linda, wie hast du dich zusammen mit deiner Partnerin in Frankreich dieser Form angenähert?

Linda (lacht): Wir haben uns einen Profi dazu geholt. Das war das größte Geschenk, dass DFJW und BKJ das ermöglicht haben. Ich bin kein Fan davon, irgendetwas stümperhaft zu machen. Und anfangs fehlte mir noch die Expertise.

So langsam würde ich mir ein digitales Projekt auch alleine zutrauen. Insofern war das für mich eine riesige Schulung: das Audiowalk-Projekt und eigentlich die komplette Corona-Zeit. Da musste ich meine theaterpädagogische Komfortzone komplett verlassen.

Linda

Im letzten Jahr waren wir in der Planung mit unserem Theaterstück schon sehr weit und es war schmerzhaft, das einfach ausfallen zu lassen. Deshalb war uns in diesem Jahr wirklich wichtig, etwas zu machen, das – Corona hin oder her – auf jeden Fall stattfinden kann. Und da kam uns die Idee zu diesem Audiowalk. Meine französische Kollegin Noémie Laurens-Besace und ich haben recherchiert, sind dann auf das Künstler*innen-Kollektiv MeetLab aus Ungarn gestoßen und haben Kontakt mit Ambrus Ivanyos aufgenommen. Seit Dezember 2020 haben wir vier vom Team uns regelmäßig online getroffen und dieses Projekt vorbereitet. Ambrus hat mit Noemi und mir als Unterstützung im Wesentlichen die Rahmenhandlung gesteckt. Er ist quasi unser Regisseur. Auch Morgane Bonnel war immer mit dabei und war im Projekt vor allem für Sprachanimation und Gruppendynamik verantwortlich.

Diese Pandemie war also für euch als pädagogische Fachkräfte eine große Lernphase, was das Digitale angeht. Habt ihr dafür auch passende Unterstützungs- und Fortbildungsangebote gefunden und in Anspruch genommen?

Linda: Jeder Mensch bewältigt Krisensituationen anders. Mein Bewältigungs-Mechanismus ist, mich volle Kanne reinzustürzen. Ich will mich sofort wieder „fähig“ fühlen. Und wenn einem als Theaterpädagogin die Bühne weggenommen wird und der Kontakt mit den Jugendlichen verboten wird – Oh Gott, was mach ich denn? Wo bin ich denn? Was ist meine Aufgabe? Da habe ich gesagt: Okay, dann ist es meine Aufgabe, trotz allem etwas möglich zu machen. Schon im April 2020 durfte ich mithelfen, das UnruhR-Festival, ein Jugendclub-Theaterfestival, ins Digitale zu übersetzen. Da war ich sofort bei allen Weiterbildungen dabei, die wir da als Team bekommen haben, um das umzusetzen. Da war ich, glaube ich, eine der Ersten, die diesen Weg beschritten haben.

Selma war Ende März letzten Jahres mit mir in den ersten Skype-Runden, die überhaupt nicht funktionierten. Dann haben wir WhatsApp-Call versucht. War auch schrecklich. Dann haben wir weitere Tools ausprobiert. Auch wenn nicht alles gleich funktioniert hat, haben wir ab Sekunde eins viel miteinander gelernt. Es ist nur für jede Lernentwicklung total wichtig, dass es auch Pausen gibt, dass man auch wieder in seine Komfortzone kommt, um danach wieder lernen zu können. Deshalb ist Corona auch ermüdend. Dass wir uns in diesem Sommer zumindest mit der deutschen Gruppe wieder in persona treffen können, ist schon eine Ultra-Erleichterung. Ich kann zehn Stunden mit der Gruppe hier vor Ort aktiv sein und bin danach nicht annähernd so erschöpft wie nach zwei Stunden digital.

Die Erfahrung haben in dieser Zeit wohl viele gemacht. Wagen wir einen Blick in die Zukunft: Wird das nächste Projekt ein klassisches Theaterstück sein – auf einer Bühne, mit einem Scheinwerfer und mehr Technik gibt’s nicht? Oder wird es hybride künstlerische Ansätze geben?

Linda: Zweiteres. Ich glaube, dass das Digitale nicht mehr wegzudenken ist. Wir haben tolle Formate und Projekte kennengelernt, die ich nicht missen möchte. Was in der Corona-Zeit nervt, ist nur die Ausschließlichkeit. Der rein digitale Kontakt vermisst den Körper. Und als Theater-Vermittlerinnen brauche ich auch den Körper. Wenn das Körperliche wieder möglich ist, dann kann ich auch gezielt – weil ich etwas Bestimmtes darstellen will – das Digitale mitdenken. Total gerne! Ich habe schon immer gerne mit Projektionen gearbeitet. Und wenn man jetzt zum Beispiel bei einer Aufführung noch jemanden live zuschalten kann, dann sind das super spannende Sachen.

Selma, als ihr letztes Jahr im März angefangen habt, mit verschiedenen Diensten und Anbietern zu experimentieren, habt ihr da auch reflektiert, was ihr da mit euren Daten macht, wenn plötzlich alles online läuft?

Selma: Als Zoom und Jitsi und keine Ahnung, was es da alles so gibt, neu etabliert wurden, wurde ja viel darüber berichtet, ob diese Sachen sicher sind. Wir haben schon versucht, das für uns sicher zu gestalten, aber natürlich ist das schwierig, wenn man immer auf irgendwelche Anbieter zurückgreifen muss. Das waren halt die Mittel, die wir gerade zur Verfügung hatten und auch immer noch haben. Da muss man auch ein bisschen vertrauen.

Ist es denn generell für Euch ein Thema, wie das Digitale unsere Welt verändert?

Lia: Ich glaube, dass man da nicht mehr wirklich drum herumkommt, sich damit zu beschäftigen, wie alles immer digitaler wird, auch das ganze Leben von uns Jugendlichen. Das bekomme ich relativ häufig mit, wie Freund*innen von mir sich darüber unterhalten und sich auch fragen: Was passiert denn jetzt eigentlich mit meinen Daten und will ich das im Internet preisgeben? Und ich glaube, dass es bei vielen von uns, dadurch, dass wir jetzt ein bisschen älter geworden sind, einen Sinneswandel gegeben hat. Wir sind ein bisschen vorsichtiger geworden und versuchen, ein Gleichgewicht zu finden, zwischen dem, was ich teile und wie will ich, dass meine Daten im Internet präsentiert werden, und dem, was ich für mich behalten will. Dieses Gleichgewicht, das kommt mit mehr Erfahrungen einfach irgendwann.

„T|RAUM|WEG|E“ ist ein hybrides, deutsch-französisches Jugendtheaterprojekt im Rahmen von Europefiction, einem internationalen Kooperationsprojekt von Jugentheaterclubs aus sechs Ländern.

Der interaktive Audiowalk „T|RAUM|WEG|E“ kann mithilfe der kostenlosen Smartphone-App Storydive absolviert werden. Hier kann man in die Geschichten hinhören.

Das Projekt „T|RAUM|WEG|E“ des Theaters La Transplanisphère in Paris und des Kinder- und Jugendtheaters am Theater Dortmund wird von der BKJ begleitet und mit Mitteln des Deutsch-Französischen Jugendwerks über die Projektausschreibung „Digital ganz nah“ gefördert.

Weitere Informationen zum Projekt beim KJT Dortmund

Zitiervorschlag

BKJ: „Der rein digitale Kontakt vermisst den Körper“
https://www.bkj.de/internationales/wissensbasis/beitrag/der-rein-digitale-kontakt-vermisst-den-koerper/
Remscheid und Berlin, .

Typo: 246
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