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Aus der Praxis

Landschaftliche Bildung im Oderbruch

Projekt „Heim(at)arbeit am Museum“, Oderbruch Museum Altranft Werkstatt für ländliche Kultur

06.10.19

Östlich von Berlin wälzt sich die Oder durchs platte Land. Ein paar Angler stehen am Wasser, ansonsten sieht man Äcker und Felder, so weit das Auge reicht. Ruhe, Weite, Landwirtschaft, kleine Dörfer, das zeichnet die Oderbruch-Landschaft aus. Und das Oderbruch Museum Altranft.

Text: Kathrin Köller

Für das Oderbruch Museum Altranft ist Landschaft viel mehr als ein Stück Natur und es schickt die Oderbruch-Kinder und Jugendlichen deshalb auf Forschungsreisen in den eigenen Lebensraum.

Um ‚Landschaft‘ dreht sich alles im Schloss Altranft, dem ehemaligen Gutsherrensitz und Hauptgebäude des ‚Oderbruch Museum Altranft Werkstatt für ländliche Kultur‘. Hier geht es um die Menschen, die im Oderbruch zu Hause sind oder hier ankommen und sich ein neues Zuhause schaffen möchten. Und um ihren Lebensraum. „Landschaft heißt für uns das Habitat des Menschen“, erklärt Anne Hartmann, die zum Bildungsteam des Museums gehört und Angebote für Kinder und Jugendliche koordiniert. „So wie der Wolf und die Kellerassel ein Habitat haben, leben die Menschen in einer Landschaft. Wichtig ist, dass es ein geteilt genutzter Raum ist, den viele Menschen einer Gesellschaft für ihr Leben in Gebrauch nehmen.“ Wie sie das tun, das kann durchaus sehr unterschiedlich sein. Da gibt es die Bauern mit ihren kleinen Biolandwirtschaftsbetrieben und da gibt es die Landwirte, die in den großen LPG-Nachfolgebetrieben arbeiten. Hier wohnen die Schäferin und die Tierärztin, deren Handynummern alle im Umland abgespeichert haben. Wie die Landschaft durch die Menschen genutzt wird, das versucht das Museum in Bildungs- und Kulturprojekten herauszubekommen.

So wie der Wolf und die Kellerassel ein Habitat haben, leben die Menschen in einer Landschaft, ein von vielen für ihr Leben geteilt genutzter Raum.

Anne Hartmann

Was du tust ist wichtig!

„Wir sehen unsere wichtigste Aufgabe darin, die Dinge, die hier passieren, zu erfassen und zu verstehen“, erklärt Anne Hartmann. Eine ganz besondere Rolle kommt dabei Kindern und Jugendlichen zu. Im Rahmen von Bildungsprojekten besuchen Schüler*innen der 8. bis 10. Klassen beispielsweise den Biobauern, die Schäferin und die Landwirte aus dem Großbetrieb. Sie stellen Fragen nach der Arbeit und wie das alles so funktioniert, aber auch nach dem Sinn des Lebens und dem Gemüsegarten. Das Nachfragen ist der erste Schritt und erklärter Teil der Methodik des Museums. „Der wichtigste Aspekt ist immer, dass wir Menschen aus unserer Region einbeziehen. Das Befragen einer reellen Person, die über ihre Erfahrung berichten kann, das ist immer Teil der Bildungsprojekte“, sagt die Referentin des Museums. Denn viele in der Region kämen erst einmal gar nicht darauf, dass ihr Leben interessant und dass ihr Alltag, ihr Zusammenleben mit Menschen und das, was sie darüber wissen, wichtig sein könnte.

Aus deinen Worten wird Kunst!

Im nächsten Schritt wechseln die Schüler*innen in die Werkstattarbeit. Diese findet manchmal in der Museumswerkstatt statt, manchmal an den Schulen in der Region. Gemeinsam mit Künstler*innen, die überwiegend in der Region leben, arbeiten sie an der Übersetzung dessen, was sie von den Menschen vor Ort erfahren haben. Gesagtes, Geschichten, Fotos und Mitgebrachtes werden in eine neue Form übersetzt. So setzen sich die Jugendlichen noch stärker mit den Akteuren auseinander, es erhöht den Wert dessen, was die Befragten gesagt haben. Mal entsteht aus den gesammelten Informationen ein Theaterstück, mal Lieder und mal werden Gegenstände für eine Foto-Dokumentation genutzt. Aufgeführt und für alle ausgestellt, werden die künstlerischen oder kunsthandwerklichen Arbeiten im Schloss des Museums. Doch sie sind bei weitem keine Endprodukte, sondern ein weiterer Auftakt, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, ihnen zu begegnen.

Wie willst du leben?

Auch die Kinder und Jugendlichen selbst bestärkt die Auseinandersetzung mit dem nicht immer einfachen Alltag auf dem Land. Ihre Rolle als Rechercheure und Übersetzer*innen schärft den Blick für Selbstwirksamkeit, Engagement für Andere und eigene Gestaltungsmöglichkeiten. „Und sie erfahren, dass Leben nicht nur heißt, welche Berufswahl triffst du, wie viel willst du verdienen und in welcher großen Metropole möchtest du leben?“, berichtet Anne Hartmann. Eines der Themen, mit dem sich die Jugendlichen in den Herbstferien auseinandergesetzt haben, ist Mobilität. Keine einfache Geschichte. Die Menschen müssen hier eigene Lösungen suchen und, obwohl alle ein ähnliches Problem haben, fällt es Vielen schwer, gemeinschaftliche Wege zu finden. Die Jugendlichen fragen und denken gemeinsam nach und helfen damit die Kommunikation über das „vom Fleck kommen“ anzustoßen, betont die Referentin des Museums.

Was können wir zusammen noch alles machen?

Nach dem Erfolg der Schulprojekte finden jetzt auch offene Werkstätten im Museum statt. Abwechselnd wird hier jede Woche mit verschiedenen Medien experimentiert, es wird gedruckt, fotografiert, es entstehen Audio-Aufnahmen und Illustrationen. Eingeladen sind Kinder und Jugendliche, aber auch Oderbrücher aller Generationen, die sich beim gemeinsamen Arbeiten ganz nebenbei miteinander austauschen. „Das ist eine kreative Sache, wenn die Interessen der Kinder und die Professionen der Älteren zusammenkommen. Wenn Menschen aus verschiedenen Handwerken und Kinder und Jugendliche aufeinanderstoßen, dann bringen sich beide gegenseitig auf Ideen, von denen sie vorher nicht gedacht hätten, dass sie so etwas machen könnten.“ Noch steht die offene Museumswerkstatt am Anfang, doch der Austausch mit ähnlichen Projekten zeigt das Potenzial der Idee und weist in die Zukunft.

Landschaftliche Bildung für alle

Das Oderbruch Museum Altranft schafft sicherlich außergewöhnliche Angebote im ländlichen Raum und versteht es mit viel Engagement, den Menschen vor Ort Wertschätzung für sich selbst und den eigenen Lebensraum zu vermitteln. Aber für die Referent*innen des Museums ist ihre Landschaftsarbeit kein Ansatz, der auf ländliches Leben beschränkt ist. „Landschaften sind überall dort, wo Menschen leben. Deshalb ist Landschaftliche Bildung zwar hier entstanden und unser Schwerpunkt ist diese Gegend, aber sie könnte auch in städtischen Gebieten durchgeführt werden, weil man ja immer die Leute, die dort wohnen, einbezieht. Das ist essentiell wichtig, wenn man durch Bildung die Verbindungen der Menschen mit dem Raum und ihr Zusammengehörigkeitsgefühl stärken will. Wir entwickeln deshalb im nächsten Jahr Formate, die unseren Bildungsansatz an Andere vermitteln“, berichtet Anne Hartmann und wäre gespannt auf den Austausch mit städtischen Landschaftsprojekten.

Der Beitrag ist erstveröffentlicht in: Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung e. V. (2019): Heimat – der rechte Begriff? kubi – Magazin für Kulturelle Bildung. No. 16-2019. Berlin. S. 75 – 77.

Vertiefte Informationen zum Thema „Landschaftliche Bildung“ finden sich u. a. in der Publikation „Spiel mit dem Raum“. In dieser können auch die einzelnen Projekte des Oderbruch Museums Altranft nachgelesen werden. 

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Zitiervorschlag

BKJ: Landschaftliche Bildung im Oderbruch
https://www.bkj.de/internationales/deutsch-polnischer-jugendkulturaustausch/wissensbasis/beitrag/landschaftliche-bildung-im-oderbruch/
Remscheid und Berlin, .

  • Kultur macht stark
  • Schule
  • Partizipation
  • Ländlicher Raum

BKJ-Inhalt

Typo: 321

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