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Interview

In die Stadtgesellschaft hineinwirken und Wege ins Theater eröffnen

Bürger:Bühne des Staatsschauspiels Dresden

27.01.20

Bürgerbühne heißt professionelles Theater mit Laiendarsteller*innen zu relevanten Themen machen. So gelingt es, neue Besucher*innen anzusprechen und in den Dialog zu bringen, findet Joachim Klement, Intendant des Staatsschauspiels Dresden.

Joachim Klement im Gespräch mit Birgit Mandel

Porträt von Joachim Klement

Joachim Klement ist seit der Spielzeit 2017/2018 Intendant des Staatsschauspiels Dresden.

Porträt von Birgit Mandel

Birgit Mandel ist Direktorin des Instituts für Kulturpolitik und Leiterin des Bereichs Kulturmanagement und Kulturvermittlung an der Universität Hildesheim sowie Vize-Präsidentin der Kulturpolitischen Gesellschaft.

„Dichte Netze“ heißt die neue Inszenierung der Bürger:Bühne über die Wandelbarkeit sozialer Beziehungen, die am 18. April 2020 uraufgeführt wird.
„Dichte Netze“ heißt die neue Inszenierung der Bürger:Bühne über die Wandelbarkeit sozialer Beziehungen, die am 18. April 2020 uraufgeführt wird.

Birgit Mandel: Was sind die größten Herausforderungen in dem Prozess, eine klassische Einrichtung wie ein Theater oder ein Museum zu verändern, um es für die Bevölkerung einer Stadt attraktiv und relevant zu machen?

Joachim Klement: Schwierigkeiten können entstehen, wenn Themensetzungen oder Herangehensweisen von Künstler*innen nicht dem Interesse der Bevölkerung entsprechen. Eine Herausforderung ist, ein Thema sowohl interessant für den*die Künstler*in als auch für potentielle Teilnehmer*innen und das Publikum zu gestalten. Die Balance zwischen sozialen und künstlerischen Aspekten zu finden, ist ebenfalls eine Herausforderung, eine weitere: Die klaren und durchstrukturierten Abläufe eines großen Staatstheaters müssen auf individuelle und soziale Aspekte reagieren.

Mandel: Wie gelingt es aus Ihrer Erfahrung, neue Besuchergruppen über das kunstaffine Kernklientel hinaus zu interessieren und einzubinden?

Klement: Über eine spezifische Themensetzung versuchen wir Bürger*innen als Darsteller*innen zu gewinnen, die ihre Themen sonst nicht im Theater vertreten wissen. Dies kann zum Beispiel in „Früher war alles. Geschichten von Träumen und Abwicklungen aus Freital“ die Geschichte des Ortes Freital sein oder wie in „Ich bin Muslima – haben Sie Fragen?“ Geschichten und Haltungen von muslimischen Frauen in Dresden.

Die Ansprache der Zielgruppe geschieht dabei in klarer, einfacher Sprache, die sich nicht an der im Kunstkontext üblichen akademischen Sprache orientiert.

Eine gute Zusammenarbeit mit der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit bei der Ansprache neuer Zielgruppen ist maßgeblich für den Erfolg eines Projektes verantwortlich. Wir veröffentlichen beispielsweise ansprechende Plakate in Straßenbahnen, um theaterferne Interessent*innen zu finden.

Mandel: Welche Erfahrungen haben Sie mit den sehr unterschiedlichen Bürgerbühnenprojekten „Früher war alles“ in Freital und „Ich bin Muslima – Haben Sie Fragen?“ gemacht? Ist es gelungen, Menschen mit unterschiedlichen politischen Ansichten und Herkünften zum Mitmachen zu gewinnen und über das Entwickeln eines gemeinsamen Theaterstücks in produktive Dialoge zu bringen?

Klement: Sowohl im Projekt „Früher war alles“ als auch in „Ich bin Muslima – haben Sie Fragen?“ sind ausgesprochen produktive Dialoge zwischen unterschiedlichen Beteiligten zu beobachten. In „Früher war alles“ konnte durch eine Kooperation mit der Stadt Freital eine breite Bürgerschaft erreicht werden, so dass ein diverses Ensemble unterschiedlicher Generationen mit unterschiedlichsten Erfahrungen, Lebensläufen, politischen Ansichten gewonnen wurde. Beim Premierenpublikum und auch bei weiteren Vorstellungen war deutlich spürbar, dass zu den Zuschauer*innen viele Freitaler*innen gehörten, die dieses Theater das erste Mal betreten hatten. Die Lokalpresse hat ausführlich über das Projekt berichtet, es gab zusätzliche Podiumsdiskussionen u. a. mit dem Bürgermeister der Stadt Freital.

In „Ich bin Muslima – haben Sie Fragen?“ gab es während der Proben äußerst kontroverse und spannungsreiche Auseinandersetzungen zwischen gläubigen und säkularen Musliminnen. Durch die gute Moderation des Regieteams konnte die Gruppe diese Schwierigkeiten überwinden und eine erfolgreiche Premiere erleben. Die Aufführung führte zu produktiven Auseinandersetzungen mit dem Publikum, vor allem in dem Teil der Aufführung, in dem das Publikum Fragen stellen darf.

Die lebendigen Kontroversen, beispielsweise um die Kopftuchfrage, zeigen deutlich, wie viel Gesprächsbedarf es in Dresden gibt.

Mit jeder Produktion suchen wir immer wieder nach neuen Themen, die gesellschaftlich virulent und relevant, aber häufig nicht im öffentlichen Diskurs präsent sind. In der aktuellen Spielzeit betrifft das Themen wie die genderspezifische Differenz beim Thema Finanzen und Schulden („Schuldenmädchen-Report“ von Vanessa Stern) oder die subtile Veränderung von sozialen Beziehungen und Netzwerken durch Globalisierung, Digitalisierung und Individualisierung („Dichte Netze“ von Turbo Pascal, Premiere: 18.04.2020).

Mandel: Was ist der Auftrag der Bürgerbühne im Kontext der Strategie des gesamten Hauses?

Klement: Der Auftrag der Bürger:Bühne am Staatsschauspiel Dresden besteht darin professionelles Theater mit nicht-professionellen Darsteller*innen zu machen. Dies ist seit diesem Jahr auch im offiziellen Statut des Staatstheaters verankert. Dabei ist es der Anspruch, Aufführungen zu produzieren, die inhaltlich relevant, auf der ästhetischen Höhe der Zeit sind und sich durch einen originellen Zugriff einer Regiehandschrift auszeichnen. Mit dem internationalen Bürgerbühnen-Festival „Our Stage“, der Teilnahme an der bundesweiten AG Bürgerbühne und zahlreichen Kooperationsprojekten leisten wir zudem eine Vernetzungsarbeit zur Gründung und Fortentwicklung einer europaweiten Bürgerbühnen-Bewegung. Mit dem Clubprogramm, dem Montagscafé, dem UNART-Wettbewerb und unserem neuen Format „Alien Nights“ wollen wir gleichzeitig in die Stadtgesellschaft hineinwirken, um gesellschaftliche Prozesse der Partizipation und Diskussion zu ermöglichen, die anderorts nur wenig Raum haben. Gleichzeitig wird auf diese Weise Menschen der Weg ins Theater eröffnet, die bislang mit dieser Form von kultureller Teilhabe nicht in Kontakt gekommen sind.

Das Staatsschauspiel Dresden gilt als „Erfinder“ der Bürgerbühne, die sich als neue, eigene Sparte im Stadt- und Staatstheatersystem zu etablieren beginnt. Seit 2009 verhandeln Bürger*innen unterschiedlicher Generationen, Berufe und sozialer Herkunft am Staatsschauspiel Dresden Themen, die sie gemeinsam bewegen mit theatralen Mitteln und präsentieren diese mit hoher Publikumsresonanz auf der großen Bühne. Menschen begegnen sich, die im normalen Leben kaum Berührungspunkte haben. Mit den Bürgerbühnenproduktionen, in die alle Abteilungen des Theaters involviert sind, veränderte sich nicht nur das Programm und das Publikum, sondern auch die Organisationskultur des Theaters.

2018 wurde das Staatsschauspiel für dieses Engagement mit dem ersten Preis des Wettbewerbs „ZukunftsGut“ ausgezeichnet. In diesem Jahr hat die Commerzbank Stiftung den Preis zum zweiten Mal ausgeschrieben. In Deutschland ansässige private und staatliche Kulturinstitutionen, die sich mit der Vermittlung von kulturellem Erbe im weitesten Sinne beschäftigen, können sich bis zum  31. März 2020 unter bewerben.

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Zitiervorschlag

BKJ: In die Stadtgesellschaft hineinwirken und Wege ins Theater eröffnen
https://www.bkj.de/inklusion/wissensbasis/beitrag/in-die-stadtgesellschaft-hineinwirken-und-wege-ins-theater-eroeffnen/
Remscheid und Berlin, .

  • Diversität
  • Partizipation
Typo: 313

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