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Interview

Glaubwürdiges Engagement für neue, migrantisch geprägte Besuchergruppen

Historisches Museum Frankfurt

27.01.20

Migrationsgeschichte wird vor allem mündlich erzählt. Wie die ein Museum darstellen und sich so für die Vielfalt der Stadtbevölkerung öffnen kann, erzählt der Direktor des Historischen Museums in Frankfurt, Jan Gerchow.

Jan Gerchow im Gespräch mit Birgit Mandel

Porträt von Jan Gerchow

Jan Gerchow ist seit 2005 Direktor des Historischen Museums Frankfurt.

Porträt von Birgit Mandel

Birgit Mandel ist Direktorin des Instituts für Kulturpolitik und Leiterin des Bereichs Kulturmanagement und Kulturvermittlung an der Universität Hildesheim sowie Vize-Präsidentin der Kulturpolitischen Gesellschaft.

Stadtlabor-Ausstellung „ Kein Leben von der Stange“: Die Installation „Bitter Things“ im Rahmen der Berliner Künstlergruppe bi’bak präsentiert 16 Audio-Geschichten, die von durch Arbeitsmigration getrennten Familien berichten.
Stadtlabor-Ausstellung „ Kein Leben von der Stange“: Die Installation „Bitter Things“ im Rahmen der Berliner Künstlergruppe bi’bak präsentiert 16 Audio-Geschichten, die von durch Arbeitsmigration getrennten Familien berichten.

Birgit Mandel: Was sind die größten Schwierigkeiten bzw. Herausforderungen in dem Prozess, eine klassische Einrichtung wie ein Theater oder ein Museum zu verändern, um es für die Bevölkerung einer Stadt attraktiv und relevant zu machen?

Jan Gerchow: Als öffentliche Kulturinstitution, die gleichzeitig ein städtisches Amt ist, sind wir an organisatorische Strukturen gebunden, die die von uns erwünschte Flexibilität und Offenheit erschweren. Zu unserem Auftrag als Museum gehören neben der Besucher*innen-Orientierung auch der konservatorisch angemessene Umgang mit unseren umfangreichen und über die Jahrhunderte gewachsenen Sammlungen. D. h., dass ein entscheidender Teil unserer Ressourcen für den Erhalt der Sammlung eingesetzt wird, die für die Ausstellungs- und Vermittlungsarbeit nicht zur Verfügung stehen. Die zentrale Bedeutung der Objekte tritt daher in eine nicht intendierte Konkurrenz zur personenzentrierten Ausrichtung der Museumsarbeit. Dieses Ressourcenproblem kann nicht durch neu geschaffene Stellen gelöst werden, da die Neuschaffung von Stellen nicht dezentral entschieden werden kann, sondern nur per Magistratsbeschluss. Die Strukturen, in die wir eingebettet sind, erlauben uns nicht die Flexibilität, die die sich stetig wandelnde Gesellschaft eigentlich von uns erfordert. Auch sind unsere Ausstellungsprojekte und Programmplanung langfristig angelegt. Ausstellungen haben im Durchschnitt Vorbereitungszeiten von zwei bis drei Jahren was ein schnelles Reagieren auf gesellschaftliche Veränderungen oder Ereignisse erschwert. Mit dem Stadtlabor haben wir bereits ein im Vergleich schnelles Format gefunden, doch auch hier beträgt die Vorbereitungszeit in der Regel zehn Monate. Das heißt, dass wir Veränderungen in der Besucherstruktur nur langfristig erreichen und messen können.

Eine weitere Schwierigkeit sehen wir zudem in den (städte-) baulichen Anforderungen, die an das Museum gestellt werden. Museumsbauten sind fast immer als architektonische Prestigeprojekte angelegt. Die beeindruckende Architektur und hochwertige Ausstattung unseres Museums wirkt gerade auf museumsfernere Menschen einschüchternd. Diese eingebaute „Schwelle“ eines kulturellen Repräsentationsbaus lässt sich nur durch die Verstärkung der teilhabeorientierten Museumsarbeit bzw. der Kulturvermittlung absenken. Eine weitere Schwelle sind die bestehenden – und für die Refinanzierung des Museums notwendigen – Eintrittsregelungen.

Mandel: Wie gelingt es aus Ihrer Erfahrung, neue Besuchergruppen über das kunstaffine Kernklientel hinaus zu interessieren und einzubinden?

Gerchow: Viele Frankfurter*innen mit Migrationserfahrung betrachteten das Historische Museum früher nicht als Ort für ihre Geschichte. Durch die partizipative Arbeit ist ein Vertrauensverhältnis zwischen Museum und Besucher*in entstanden, das mittel- bis langfristig zu einer Diversifikation unseres Publikums beigetragen hat. Gerade in Bezug auf Menschen mit Migrationserfahrung können wir einen signifikanten Anstieg sowohl der Beteiligung an den Museumsinhalten als auch der Besuchszahlen ausmachen. Dem Historischen Museum ist es vor allem durch die partizipativen Angebote gelungen, sich als eine Institution zu etablieren, in der auch Raum für migrantische Erinnerungen und Geschichte ist. Um diese Arbeit erfolgreich fortführen zu können, ist langfristiges Engagement wichtig.

Partizipation muss auf Dauer angelegt sein, damit bei den Partizipienten nicht das Gefühl entsteht, lediglich für ein Projekt gebraucht worden, darüber hinaus aber nicht von Interesse für das Museum zu sein.

Das Stadtlabor besteht seit 2010, in den seitdem durchgeführten Ausstellungen und Veranstaltungen spielte Migration immer eine wichtige Rolle. Dadurch ist unser Engagement glaubwürdig für die neuen (migrantisch geprägten) Besuchergruppen.

Mandel: Welche Impulse aus den Stadtlaboren gehen in die Dauerausstellung des Museums ein?

Gerchow: Aus der Stadtlabor-Arbeit sind verschiedene Formate der Kommentierung von Dauerausstellungen und zur Erweiterung des Wissens über Exponate und Sammlungsobjekte entstanden, die kontinuierlich fortgesetzt und ausgebaut werden sollen. Für 2020 ist ein Stadtlabor geplant, das die Kommentierung der gesamten Dauerausstellung unter Kolonialismus- und Rassismus-kritischen Aspekten umfasst.

Für das Stadtlabor „Kein Leben von der Stange“ wurden 15 Interviews mit Migrant*innen gemacht, zu denen jeweils ein analoges Objekt gehört. Ein Teil der dreidimensionalen Objekte soll nach dem Ende der Ausstellung in die Museumssammlung übergehen. Eine wichtige Beobachtung aus der Ausstellungspraxis ist, dass Migrationsgeschichte v. a. oral vermittelt wird, wodurch die Zentralität des Objekts in der Museumsarbeit relativiert wird. In diesem Sinne haben wir durch die Beschäftigung mit Migrationsgeschichte als Museum auch eine Hinwendung zu narrativen oder performativen Settings vollzogen: Wir haben die Erfahrung gemacht, dass das Museum Erinnerungsräume eröffnen kann, dass es als ein sicherer Ort empfunden wird, an dem in einem moderierten Rahmen Biografie-Arbeit geleistet und damit auch Geschichte mitgeschrieben werden kann. Die dabei entstehenden Interviews werden dem Stadtlabor als nativ digitale Objekte hinzugefügt und sind dort jederzeit abrufbar.

Mit der Mission „Frankfurt Jetzt!“ öffnet sich das Historische Museum in Frankfurt konsequent für gegenwärtige Fragen der Stadtbevölkerung in einer Einwanderungsgesellschaft und bezieht und diese u. a. im Kontext der Stadtlabor-Ausstellungen aktiv in die Konzeption seiner Ausstellungen ein. Auch die Sammlung und Dauerausstellung wird kommentiert und ergänzt durch Beteiligung der Bürgerschaft, so etwa gemeinsam mit Frankfurter*innen mit Migrationserfahrung. Gleichzeitig erweitert das Museum seine Präsentationen in den öffentlichen und den digitalen Raum.

2018 wurde das Historische Museum Frankfurt mit dem zweiten Preis des Wettbewerbs „ZukunftsGut“ ausgezeichnet. In diesem Jahr hat die Commerzbank Stiftung den Preis zum zweiten Mal ausgeschrieben. In Deutschland ansässige private und staatliche Kulturinstitutionen, die sich mit der Vermittlung von kulturellem Erbe im weitesten Sinne beschäftigen, können sich bis zum  31. März 2020 unter bewerben.

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Zitiervorschlag

BKJ: Glaubwürdiges Engagement für neue, migrantisch geprägte Besuchergruppen
https://www.bkj.de/inklusion/wissensbasis/beitrag/glaubwuerdiges-engagement-fuer-neue-migrantisch-gepraegte-besuchergruppen/?fbclid=IwAR1SOuizyGr5VFLujW-Q5nur4zU7tMPXB63QECVTs2bvqKwxJxG-LadXS7g
Remscheid und Berlin, .

  • Diversität
  • Partizipation
Typo: 313

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