Interview

„Ich liebe Menschen, die mich nehmen wie ich bin“

29.04.19

Die UN-Behindertenrechtskonvention ist klar formuliert: Jede*r soll im eigenen Tempo und nach den eigenen Fähigkeiten lernen dürfen. „Was ist so schwer daran?“, fragt Joscha Röder aus Bonn.

Porträt von Joscha Röder

Joscha Röder (15) kämpft dafür, ihre Sprachbegabung weiterhin an ihrer Schule ausschöpfen und ausbilden zu können. Dafür müsste das Schulgesetz geändert werden, das ihr den Zugang zum Oberstufenunterricht verwehrt, weil sie in Mathe aufgrund einer Behinderung nicht mithalten kann.

Seit zehn Jahren gilt die UN-Behindertenrechtskonvention und soll die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderung ermöglichen – und zwar nicht nur in der Schule, sondern am gesellschaftlichen und kulturellen Leben insgesamt. Wie klappt es damit aus Deiner Sicht?

Puh, was für eine Frage! Meine Eltern nehmen mich wie ich bin. Ich kann nicht immer sprechen ohne zu Stottern. Sie lassen mir Zeit. Ich kann Autos oder Passanten nicht erkennen. Sie lassen mir Zeit. Sie akzeptieren meine „Spleens“. Weil ich die Sesamstraße liebe, helfen sie mir, eine Einladung vom NDR in die Studios in Hamburg wahrzunehmen. Sie fahren mich hin, sie blechen für ein Hotel, sie fahren am nächsten Tag trotz der dicksten Staus wieder zurück.

Die Produktionsleiter führen mich durch das Studio. Ich brauche länger als andere, sie finden das nicht schlimm. Sie bewundern mich, weil ich mehr von der Geschichte der Sesamstraße weiß als sie. Zum Beispiel, dass es in anderen Ländern mehr Figuren gibt, die anders sind. Dort gibt es aidskranke Muppets-Figuren, dort gibt es sogar Autisten.

Ich weiß nicht immer, wer meine Mama ist, wenn wir schwimmen gehen. Mit nassen Haaren sieht sie aus wie viele andere. Sie findet es nicht schlimm, wenn ich Männer frage, ob sie vielleicht meine Mama sind. Wenn wir bei der DLRG (Deutsche Lebensrettungs-Gesellschaft) sind, findet es keiner schlimm, dass ich nicht immer in der rechten Bahn schwimmen kann. Ich liebe schwimmen. Ich liebe Menschen, die mich nehmen wie ich bin.

Einer meiner aktuellen Schulbegleiter fragt mich, ob ich bereit bin, in einem Seminar von meinem Autismus zu erzählen. Klar bin ich bereit. Auch in den Ferien. Die Studierenden machen Power-Point. Sie werfen die Kriterien an die Wand. Wer oder was wird als Autist anerkannt. Ich höre zum x-ten Mal, dass man dazu mindestens fünf von zehn Kriterien auf einer Skala erfüllen muss. ICDs. Ich bin wie ich bin. Ohne ICDs. Ich verstehe: Die Studierenden sollen lernen, mich von anderen gewissenhaft zu unterscheiden.

Wie sähe die ideale Schule für Dich aus?

Theoretisch geht es in der Schule um Teamarbeit, Lernen von sozialer Verantwortung, um ein Miteinander. In der Praxis geht es um Konkurrenz. Ich muss besser sein als die anderen, damit es mir besser geht als den anderen.

Stattdessen stelle ich mir vor, dass wir eben nicht degradiert werden, wenn wir in einer Naturwissenschaft oder Geisteswissenschaft oder Fremdsprache oder was auch immer nicht so gut sind wie der Mitschüler, der neben einem sitzt. Was ist so schwer daran: Inklusion hilft ALLEN.

Ich kann fünf Sprachen. Ich durfte in Englisch und Spanisch zwei Klassen überspringen. Ich durfte zudem Französisch und Latein machen, als Quereinsteigerin. Ich hatte in Englisch und Spanisch zwei Jahre vorgezogen die zehnte Klasse abgeschlossen, obwohl ich nur an einer von zwei Unterrichtsstunden teilgenommen hatte. – Nach den Ferien war ich dann plötzlich zwei Schuljahre am Stück sitzen geblieben und darf seither das bereits bestandene wiederholen, so als ob ich mein „Sehr gut“ in beiden Fächern noch verbessern könnte. Nein, ich darf nicht mit meinen Klassenkameraden in die Oberstufe übergehen.

Schuld daran ist ein Paragraph in der Ausbildungs- und Prüfungsordnung von 1998. Hier ist noch keine Inklusion eingearbeitet. Hier steht noch immer: Entweder alles oder nichts. – Ich kann in Mathe nicht mithalten. Ich sehe die Welt flach wie ein Foto. Dass ich nicht berechnen kann, wie das Volumen einer Vase ist, bedeutet mein AUS. Schluss mit Inklusion.

Das Fazit von Schulleitung, Bezirksregierung und Schulministerien: Dieses Geschöpf kann nicht wie die anderen. Dieses Kind ist nicht in allgemeiner Norm. Fünf Sprachen, nun gut, aber ab mit ihm in die Werkstatt!

Meine Klassenkameraden akzeptieren mich. Ich kann ihnen oft helfen, ihre Schwächen in bestimmten Fächern auszugleichen. Meine Schulbegleiter schützen mich vor Mobbing. Aber ich bin und bleibe ein Fremdkörper. Inklusion geht anders. Nein, schuld sind nicht meine Mitschüler*innen. Sie leiden ja genauso unter dem Zwang, sich alle aneinander messen (lassen) zu müssen.

Ehrlich, nur die Pseudo-Erwachsenen haben Probleme mit mir. Schulleitung, Schulministerium, Bezirksregierung und selbst der Petitionsausschuss der Landesregierung – sie, sorry, bescheißen uns alle unwiderruflich um unsere Zukunft. Wir Jugendlichen werden ausdauernd betrogen: Wir sollen das alles doch den „Profis“ überlassen.

Verdammt noch mal, ich wünsche mir ein Schulsystem, in dem Menschen wie ich die Chance erhalten, Mensch zu sein und zu bleiben.

Du vergleichst die Umsetzung der Inklusion mit der des Klimaschutzes: Beides gelingt nicht, obwohl sich Deutschland durch internationale Abkommen dazu verpflichtet hat. Hast Du Ideen, woran das liegen könnte?

Das ist ganz einfach. Gewählte Politiker*innen ignorieren den Willen der Menschen. Die Mehrheit will seit langem, dass Kohle und Öl durch Sonnen- und Windenergie ersetzt wird. Elektro und Wasserstoff sollen Autos von Benzin, Diesel, Super befreien und für bessere Luft und weniger Abgase sorgen. Das ginge seit Jahrzehnten. Auch Tempolimits, wie in anderen Ländern auch. Aber die Politiker*innen knüppeln das nieder.

Dasselbe miese Spiel bei der Einlösung der UN-Konvention zur Integration behinderter Menschen. Die wurde von Deutschland vergleichsweise ahnungslos und verspätet unterzeichnet. Kaum ein*e Politiker*in war in der Lage, Integration und Inklusion zu unterscheiden. Behinderte Menschen, Ausländer, alles eins, oder nicht? Kaum eine*r kapierte, dass das mit Arbeit und Finanzierung verbunden sein muss. Dabei sind die Paragraphen so einfach formuliert wie die im Grundgesetz: Jede*r Schüler*in, egal ob behindert oder nichtbehindert, soll im eigenen Tempo und nach den eigenen Fähigkeiten lernen dürfen.

Dazu sind kleine Klassen nötig, Tandem-Lehrerteams aus Pädagog*innen und Sonderpädagog*innen, die Schließung sogenannter Förderschulen bzw. besser noch deren Öffnung auch für Nicht-Behinderte. Ausbildung und Bewilligung qualifizierter Schulbegleitungen. Individuelle Lernmaterialien und Aufgabenstellungen. Eine Einarbeitung der Umsetzung von Inklusion in Schulgesetze und Lehrpläne. Von alledem ist kaum etwas geschehen. Zehn Jahre haben die Minister*innen ihre Hausaufgaben nicht gemacht.

Lehrer*innen bekamen keine Fortbildungen und fühlten sich allein überfordert. Gymnasien wurden nicht herangezogen. Die Stimmung kippte. Politiker*innen haben sich gedrückt und ihre Verantwortung abgeschoben. Immer häufiger Sätze wie: „Inklusion? – Klappt doch eh nicht!“ – dabei gelingt sie genau dort, wo ihre Voraussetzungen eingelöst werden. Bloß wird das von den Medien kaum übermittelt. Dort ist überwiegend zu lesen: Schafft das Recht doch wieder ab! Das ist für mich so, wie wenn man aus der Verletzung der Presse- und Meinungsfreiheit in Ländern wie China oder der Türkei die Schlussfolgerung zieht: Weg damit! Klappt doch eh nicht!

Klimaschutz und Inklusion haben noch eines gemeinsam: Der Betrug um unsere Zukunft. Deutschland betont, wie wichtig Naturschutz und Bildung sind – und tut tatsächlich nichts. Die Schulen sehen aus wie vor 50 Jahren. An den Lerninhalten hat sich nichts geändert. Es gilt immer noch die Allgemeine Hochschulreife. Wir sind alles andere als allgemein, wir sind verschieden, wir sind nicht an Norm und sogenanntem Normalen zu messen.

CC BY ND 4.0 (BKJ-Standard)

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Zitiervorschlag

BKJ: „Ich liebe Menschen, die mich nehmen wie ich bin“
https://www.bkj.de/inklusion/innovationsfonds-kulturelle-bildung/wissensbasis/beitrag/?tx_wissensbasis_wissensbasis%5Bfachbeitraege%5D=80&cHash=cb341f28bfd9f842fad4cd33cefc8b74
Remscheid und Berlin, .

  • Schule
Typo: 256
Typo: 256

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