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Aus der Praxis

Selbstvertrauen in der Bewegung finden

Projekt „Bad Honnef tanzt“

04.09.23

Manchmal braucht es nur den richtigen Impuls, um neue Seiten an sich zu entdecken, neue Leidenschaften zu finden und schlussendlich über sich hinauszuwachsen. So erging es auch Andrej, als er durch eine Schulbeteiligung beim Projekt „Bad Honnef tanzt“ mitmachte.

Von Lioba Gieles

Als Andrej, damals 13 Jahre alt, das allererste Mal tanzen sollte, überwog die Skepsis. Choreografie-Stunden standen im Rahmen eines Schulprojekts in seiner alten Schule auf dem Plan, doch Spaß macht ihm der vorgegebene Unterricht nicht. Wieviel Freude am Tanzen er durch das Projekt „Bad Honnef tanzt“ noch entwickeln und welch positive Auswirkungen das auf ihn haben wird, ahnt der Schüler aus der Ukraine zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Dabei hatte er Glück, dass er in der Kleinstadt Bad Honnef auf vielfach erprobte und gut etablierte Strukturen traf. Das jährlich unter einem anderen Motto stattfindende Tanzprojekt wurde 2012 von der Tänzerin und Choreografin Anna-Lu Masch ins Leben gerufen, die auch den dazugehörigen Verein Bad Honnef tanzt e.V. gründete. Sie hat das geschafft, was im ländlichen Raum absolut nicht selbstverständlich ist: ein über viele Jahre konstantes, sich stetig neu erfindendes Projekt der Kulturellen Bildung, das mittlerweile ca. 3.000 jungen Menschen erste Erfahrungen in Tanz, Regie, Choreografie oder allgemein auf der Bühne gegeben hat. In gewissem Sinne brachte es den kleinen Ort Bad Honnef zusammen, denn wie Anna-Lu Masch berichtet, spürte sie damals ein starkes Bedürfnis der Menschen nach Kultureller Bildung – etwas, was es bis dato dort nicht gegeben hatte. Obwohl sich das für die Teilnehmer*innen kostenfreie Tanzvermittlungsprojekt nicht ausschließlich an Kinder und Jugendliche richtet, sondern alle Altersklassen willkommen sind, haben sich über die letzten elf Jahre tiefgehende Verbindungen zu den Schulen und weiteren Partnern (diverse Institutionen und Kulturvereine) der Region gebildet. Dadurch haben wirklich alle die Möglichkeit, sich auszuprobieren. 

Tanzen ist nicht nur Ausdrucksform, sie lehrt die jungen Menschen auch, sich selbst kennenzulernen

Somit finden sich Kinder und Jugendliche in einer Sporthalle oder auch Ratssal, in dem sonst Politiker*innen diskutieren, wieder, die von sich nie gedacht hätten, dass eine Tänzerin oder ein Tänzer in ihnen steckt. Genauso war es auch bei Andrej. Zu Anfang plagten ihn Unsicherheiten. Ob er gut genug sei? Was die anderen von ihm denken würden? Fragen, die sich jeder junge Mensch wohl zu irgendeinem Zeitpunkt stellt. Er bemerkte schnell, dass er sehr wohl gut genug war und dass die anderen nichts Schlechtes über ihn dachten, dass sie alle irgendwie im selben Boot saßen. Im Gegenteil fand er durch das Tanzen schnell neue Freund*innen. Das überraschte ihn selbst.

Anna-Lu Masch hingegen überrascht es überhaupt nicht. „Die jungen Menschen nehmen etwas für ihr weiteres Leben mit“, sagt die Choreografin. „Durch das Tanzen kannst du Selbstwert erleben, Selbstbewusstsein in dein Leben mitnehmen und die Kreativität weiter nutzen.“ So verwundert es nicht, dass viele Teilnehmende sich nach der Anfangsphase auch an andere Bereiche einer Tanzproduktion herantrauen und nicht nur als Tänzer*innen auf der Bühne stehen. Viele der jungen Leute probieren sich zudem in Regie und Choreografie aus. Doch nicht nur die eigene Kreativität erlebt einen Boost. Viele lernen sich und ihren Körper kennen, zusätzlich dazu steckt in der Kollaboration mit anderen auch ein wirksames Training in Sachen Teamfähigkeit. „In der Bewegung geht es ganz viel darum, sich selbst kennenzulernen. Und auch jenseits von Einflüssen und Utensilien mit dem eigenen Körper zu experimentieren und gleichzeitig natürlich auch mit den anderen Kindern und Jugendlichen in Kontakt zu treten“, erklärt die Choreografin.

Kulturelle Bildung sollte Teil der Allgemeinbildung sein, weil sie eine Ergänzung und ein Ausgleich ist. Gerade bei dem ganzen schulischen Druck, den sie erleben, ist die Kulturelle Bildung eine Oase und gleichzeitig eine wertvolle Ergänzung, die auch andere schulische oder andere Bildungsfelder unheimlich bereichern und Kinder auch entlasten kann.

Anna-Lu Masch

Zum Ende des Schuljahres zeigen die jungen Tänzer*innen dann im Rahmen des eigens gegründeten Tanztheaterfestivals ihr Können. Dafür verwandeln sich besondere und fortwährend wechselnde Orte in beindruckende Bühnen, wie zum Beispiel der Ratssaal des Bad Honnefer Rathauses. Kein Wunder also, dass eine der erinnerungswürdigsten Erfahrungen für die Teilnehmer*innen der erste Auftritt vor Publikum ist. Dieser Moment, wenn sie die Bühne betreten, umgeben von Scheinwerferlicht und voller Aufregung, präge sie für den Rest ihres Lebens, so Anna-Lu Masch. Auch Jahre später – und in diesem Projekt gibt es diese Rückschau einfach schon – kämen ehemalige Teilnehmer*innen auf sie zu und sprächen sie auf diese großartige Erfahrung an, die ihnen für den weiteren Lebensweg neben vielen anderen Aspekten einen guten Selbstwert und Selbstgenügsamkeit mit dem eigenen Körper mitgebe, berichtet sie.

Film: Andrej erzählt, was ihm das Tanzen bedeutet.

Tanzen als mentaler Stabilitätsfaktor

Auch Andrej lernte nach seiner anfänglichen Unsicherheit in Bezug auf sein Können und seinen Körper, wie viele andere, Wichtiges über sich selbst. „Ich habe angefangen zu tanzen, habe angefangen zu trainieren. Ich habe einen normalen Körper und es geht mir gut, weil ich mir keine Gedanken darüber gemacht habe, ob ich hier der Schlechteste bin.“ Er hat die Erfahrung gemacht, dass ihm das Tanzen nicht nur körperlich, sondern vor allem auch seelisch guttat. Es sei wie eine Art Kraft, die ihm sagte, dass er tanzen könne. „Ich fühle mich viel wohler, wenn ich zum Tanzen gehe.“ Zudem fand er heraus, dass es auf den zweiten Blick sogar mehr Gemeinsamkeiten mit seinem zweiten Hobby – dem Boxen – gab als gedacht. Denn auch beim Ausweichen tanze man fast und so trainiere er seine Beine gleich für beide Bewegungsformen. Nun schmiedet er sogar Zukunftspläne, die das Tanzen beinhalten.

Was für den Tanz gilt, trifft natürlich auch auf andere Bereiche der Kulturellen Bildung zu. Anna-Lu Masch findet, „Kulturelle Bildung sollte Teil der Allgemeinbildung sein, weil sie eine Ergänzung und ein Ausgleich ist. Gerade bei dem ganzen schulischen Druck, den Kinder und Jugendliche erleben, ist die Kulturelle Bildung eine Oase und gleichzeitig eine wertvolle Ergänzung, die auch andere schulische oder andere Bildungsfelder unheimlich bereichern und Kinder auch entlasten kann.“ Was für die langjährige Akteurin Kulturelle Bildung im Allgemeinen bedeutet? „Kulturelle Bildung ist, sich selbst und den anderen zu erleben und besser kennenzulernen“. Und so tanzen sie weiter in Bad Honnef. Weitere Generationen Kinder und Jugendliche lernen, sich und einander zu vertrauen, kreativ zu sein und jedes Mal ein klein bisschen über sich hinauszuwachsen.

Bad Honnef tanzt e.V.“ führt Tanzprojekte mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen durch. Ziel ist es, kulturelle Teilhabe jenseits sozialer Barrieren und auch für Menschen in den umliegenden Städten und im ländlichen Raum zu ermöglichen. Die Praxisreportage ist entstanden im Rahmen von „Machmamit! – Finde, was deins ist“ der Kampagne für Kulturelle Bildung der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ).

Zitiervorschlag

BKJ: Selbstvertrauen in der Bewegung finden
https://www.bkj.de/grundlagen/wissensbasis/beitrag/selbstvertrauen-in-der-bewegung-finden/
Remscheid und Berlin, .

  • Kulturelle Vielfalt
  • Schule
  • Partizipation
Typo: 796

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