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Aus der Praxis

Kunst als Katalysator für Regionalentwicklung

Im Gespräch mit David Adler, Kulturlandbüro, Schloss Bröllin e. V., Fahrenwalde

10.01.23

Nicht nur im Landkreis Uecker-Randow sind es die Einwohner*innen selbst, die die Region prägen. Das Kulturlandbüro agiert hierbei als Verstärker und hebt die vorhandenen Potenziale hervor. Kunst ist der Katalysator für die Entfaltung neuer Ideen und Initiativen.

David Adler war Kulturmanager, Redakteur und Verwaltungsleiter bei der Haydn Sinfonietta Wien, den Berliner Festspielen und an den Theatern Vorpommern, Baden-Baden und Bremen. Seit 2020 ist er Leiter des Kulturlandbüros in Uecker-Randow.

Was für eine Region ist Uecker-Randow?

Uecker-Randow ist der südlichste Teil von Vorpommern-Greifswald, dem drittgrößten Landkreis Deutschlands. Die Region ist sehr ländlich geprägt. Es gibt drei Städte mit knapp 10 000 Einwohner*innen, ansonsten sehr viele kleine Dörfer mit 300 bis 500 Einwohner*innen. Fast nirgendwo gibt es dritte Orte wie Gaststätten oder Dorfläden. Außerhalb der Zentren gibt es nur wenige Schulen. Sanfter Tourismus findet nur am Stettiner Haff statt.

Eine Besonderheit hat die Region: Anders als in anderen westeuropäischen Ländern, die an der Grenze zu Osteuropa liegen, haben wir eine umgekehrte Grenzpendlerei, das heißt, die Pol*innen wohnen auf der deutschen Seite, der Arbeits- und Lebensmittelpunkt bleibt aber in der Metropolregion Stettin. Je näher man an die Grenze kommt, desto höher ist der Anteil der polnischen Bewohner*innen, teilweise bis zu 50 Prozent. Dies stellt die Region vor zusätzliche Integrationsaufgaben. Die Kinder gehen aber überwiegend in Deutschland in die Kita und in die Schule, um die Sprache zu lernen.

Wie ist das Kulturlandbüro entstanden, welche Ziele standen dahinter und welche strukturellen Besonderheiten gibt es?

Das Projekt ist im Rahmen von „TRAFO – Modelle von Kultur im Wandel“ entstanden. Träger und Antragsteller ist der Schloss Bröllin e. V., der auch – zusammen mit dem Landkreis – dieses Projekt in der Region umsetzt. Eine Motivation von Schloss Bröllin war es, als mittlerweile 30 Jahre alter Produktionsort für darstellende Künstler*innen und Kulturschaffende aus der ganzen Welt in die Region hinaus zu strahlen. Schloss Bröllin liegt im Zentrum der Projektregion.

Der Landkreis erhofft sich, dass die freiwillige Aufgabe Kultur, die bei ehrenamtlichen Bürgermeister*innen oftmals hinten runterfällt, durch ein Kulturlandbüro mitbespielt wird. In den Interviews und Protokollen aus der Anfangsphase fand sich häufig der Wunsch, eine*n Ansprechpartner*in, eine Netzwerkstelle, einen Ankerpunkt für Kultur zu haben. Die Stärkung der dritten Orte und die Einbindung und Aktivierung der Jugend waren ebenso wichtige Themen wie der Wunsch, dem Vereinssterben entgegenzuwirken. Es gab also eine ganze Reihe von Aufgaben für einen „Kümmerer“ im Sinne eines Kulturbegriffs, der bei der Arbeit der Jugendfeuerwehr ansetzt und nicht nur die professionellen Kulturschaffenden im Blick hat.

Unsere Besonderheit unter den bundesweiten TRAFO-Projekten ist, dass wir nicht in der Trägerschaft des Landkreises arbeiten, sondern in der eines freien Kunstproduzenten – allerdings in enger Kooperation mit dem Landkreis.

Die zweite Besonderheit ist, dass wir als fünfköpfiges Team beim Träger angesiedelt sind, eine sechste Mitarbeiterin aber beim Landkreis beschäftigt ist. Wenn wir mit Künstler*innen sprechen, dann können wir als freier Träger auftreten. Reden wir mit Bürgermeister*innen oder mit der Verwaltung, finden wir über unsere Kollegin aus dem Landkreis besser Gehör.

Initiiert das Kulturlandbüro als Netzwerkstelle im Vergleich zu anderen Gemeinden auch eigene Projekte?

Als Kulturlandbüro führen wir zwei partizipative Kulturformate durch – die „Dorfresidenzen“ und die „Kulturlandschau“ – und binden sie in unsere gesamte Netzwerkarbeit ein. Aus unserer Sicht ist es nicht zielführend, als Netzwerkstelle in dieser ländlichen Region darauf zu warten, dass jemand mit seinen Fragen vorbeikommt. Die aufsuchende Kulturarbeit ist hier zentral. Ein Beispiel: Ein Ort wendet sich an eine Netzwerkstelle, um sich über Fördermittel für die Anschaffung von zehn Biergartengarnituren zu informieren. Später stellt sich heraus, dass der Bauhof genügend Biergarnituren hätte zur Verfügung stellen können. Wir machen es anders: Wir laden zu einer Veranstaltung ein und in dem Zuge werden Allianzen gebildet. Wir befähigen die Menschen durch Aktivitäten, sich in ihrem eigenen Ort gut auszukennen und um seine Potenziale zu wissen: Wen und was gibt es und wie kann man voneinander profitieren? Im Prinzip macht Netzwerkarbeit und Beratungstätigkeit für uns nur Sinn, wenn wir irgendwann einmal etwas mit den Leuten zusammen gemacht haben. Anschließend können sie besser Fragen stellen und wir ihnen besser helfen.

Wer soll mit den Projekten angesprochen werden?

Unsere Zielgruppe ist die gesamte Einwohnerschaft und wir freuen uns über alle, die erreichbar sind und die sich ein kleines bisschen interessieren. Wenn da Kinder und Jugendliche dabei sind, freuen wir uns besonders. Aber das ist meistens schwer: Entweder sind sie durch die Schulstandorte abwesend oder schon auf dem Sprung ins Studium oder in die Ausbildung und gehen weg. Auch mit den Schulen zusammenzuarbeiten ist nicht einfach. Aber es gibt wenige Ausnahmen von jungen Menschen, die wieder zurückgekommen oder geblieben sind und hier wirklich was auf die Beine stellen wollen, mit denen wir sehr eng zusammenarbeiten. Das sind für uns ganz wichtige Personen, weil sie einen ganz anderen Blick in die Region bringen. Es fehlt durch die Wende eine ganze Generation an vielen Stellen. Aber das bewegt sich alles wieder. Es gibt eben auch die Zugezogenen. Die sind oft sehr aktiv, denn die meisten kommen ja deswegen her, weil sie es hier gut finden und sich einbringen möchten.

Dient Kultur der Regionalentwicklung? Welchen Beitrag leistet das Kulturlandbüro?

Wir verstärken das, was da ist. Wir wirbeln ganz viel auf in den Strukturen des Zusammenlebens nach dem Motto „Gemeinschaft stärken durch Kultur“. Die Leute kommen durch unsere Aktionen an einen Tisch, streiten sich auch, teilweise sogar heftig. Aber es wird einfach mal wieder ein bisschen über das Ganze geredet.

Regionalentwicklung beginnt ganz unten. Bevor sich Wirtschaftsunternehmen ansiedeln und Tourist*innen kommen, müssen die Menschen vor Ort erst einmal wissen, was sie haben und schätzen lernen, dass es für alle spannend sein kann.

Wir legen sehr großen Wert darauf, dass die Projekte nicht singulär sind. Mit unseren Maßnahmen aktivieren wir Menschen, die noch nie irgendwas in der Gemeinde gemacht haben. Oder wir bringen sie dazu, wieder miteinander zu arbeiten, nachdem sie das zehn oder zwanzig Jahre lang nicht getan haben. Deshalb spüren wir auf, was nach dem Weggang des Künstlers oder der Künstlerin im Ort aus eigener Kraft aber natürlich auch mit unserer Begleitung umgesetzt werden kann. Daraus entstehen sehr diverse Aktivitäten, wie die Gründung eines Ortsvereins, eine Erzählcafé-Reihe oder ein ehrenamtlich geführter Treffpunkt im Anschluss an unsere Dorfresidenzen.

Kunst ist dabei der Katalysator für die Gemeinschaft und ein Mittel der Regionalentwicklung. Wir befinden uns in einer Region, die im Zuge der Wende stark in Mitleidenschaft gezogen wurde. Der Bruch in den Biografien der Menschen und das Gefühl, ihre Lebensleistung sei, wie sie sagen, „mit den Füßen getreten worden“, ist etwas, das den Menschen noch tief in den Knochen steckt. Die Kulturschaffenden haben dies mit ihren Projekten zutage gefördert. Wir erleben, dass es funktioniert, die Defizit-Erzählungen durch Kunst und Kultur ein Stück weit aufzubrechen. Durch ihr Tun vergessen die Menschen sie ein Stück weit und widerlegen sie, indem sie praktisch zeigen, was in ihrem Ort alles möglich ist.

Zitiervorschlag

BKJ: Kunst als Katalysator für Regionalentwicklung
https://www.bkj.de/ganztagsbildung/wissensbasis/beitrag/kunst-als-katalysator-fuer-regionalentwicklung/
Remscheid und Berlin, .

  • Ländlicher Raum
Typo: 310

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