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Interview

Ein Ort für Kinder und „ihre“ Erwachsenen

Im Gespräch mit Uta Rinklebe, MACHmit! Museum für Kinder gGmbH, Berlin

01.02.21

Museen sind für Kinder wahre Schatzinseln zum Entdecken, Lernen und Interagieren – wenn sie sich die Objekte und Themen dort selbst aktiv und mit allen Sinnen erschließen können. Ein Prinzip, das für Kindermuseen an oberster Stelle steht.

Uta Rinklebe ist europäische Ethnologin M. A. und Kinderkrankenschwester. Sie ist Geschäftsleitung und Kuratorin der MACHmit! Museum für Kinder gGmbH in Berlin.

Was macht Museen für Kinder und Jugendliche so besonders?

Für Kinder und Jugendliche sind Museen besonders, weil es kein klassischer Vermittlungsort mit den ihnen sonst aus der Schule bekannten Lernsituationen ist. Meistens sind es auch total spannende Gebäude und die Kinder spüren, dass im Museum etwas Besonderes dargestellt wird, dass sich Leute Gedanken dazu gemacht haben, um das zu zeigen. Es gibt in Museen viele Dinge, die mit der eigenen Lebenswelt verknüpft werden können. Das ist der Zugang, den Kinder, den alle Menschen, brauchen, um sich angesprochen zu fühlen.

Es gibt in Museen viele Dinge, die mit der eigenen Lebenswelt verknüpft werden können. Das ist der Zugang, den Kinder, den alle Menschen brauchen, um sich angesprochen zu fühlen.

Uta Rinklebe
 

Und warum sind Kindermuseen so besondere Orte?

Für Kindermuseen ist es zentral, dass das Kind im Zentrum steht und alle Ausstellungen für Kinder entwickelt werden. Wir nähern uns den Themen auf einer wissenschaftlichen Ebene und brechen das dann so weit runter, dass es für Kinder verständlich ist. Weil Kinder meistens Erwachsene mitbringen, muss es auch für diese ein spannendes Erlebnis sein, also gibt es sehr verschiedene Informationsstränge. Für die Älteren ist es aber oft genauso spannend, wenn etwas leicht verständlich ist. Daher sage ich gerne: Das ist ein Museum für Kinder und „ihre“ Erwachsenen. Wichtig ist mir dabei, dass Kindermuseen keine Vorbereitung auf die „großen“ Museen sind. Kinder sind eigenständige Menschen, die Kindheit ist eine eigenständige Lebensphase, die genauso viel wert ist wie jede andere. Deshalb braucht es auch Museen, die der Kinderkultur gerecht werden.

Museen öffnen Räume für Kultur und Bildung. Wie verbinden Sie diese beiden Aspekte in der museumspädagogischen Arbeit miteinander?

Im MACHmit! Museum haben wir keine klassische Sammlung, aus der wir schöpfen, sondern wir haben ein quasi leeres Haus, das wir mit selbstgewählten Themen füllen. Dabei schauen wir, dass es eine gute Verknüpfung für die Kinder zu ihrer eigenen Lebenswelt gibt, wir auch die Vielfalt der Lebenssituationen abbilden und somit einen guten Zugang finden, um mit den Kindern über Gesellschaft, Miteinander, Demokratie, Bildung u. s. w. zu sprechen. Bei jeder Ausstellung arbeiten wir mit Experten zusammen oder schöpfen aus unseren eigenen fachlichen Expertisen.

Welche Möglichkeiten haben Kinder und Jugendliche, dass ein Museum oder ein Ausstellungsobjekt zu „ihrem“ wird?

„Hands-on, Minds-on“ ist z. B. ein Begriff, der in Kindermuseen großgeschrieben wird. Auch wir im MACHmit! Museum verfolgen diesen Ansatz als interaktives Museum, ganz im Sinne von Maria Montessori: Erst wenn man es selbst tut, versteht man, was gemeint ist. Deshalb haben wir ein dreigliedriges Konzept entwickelt: Es gibt den Ausstellungsbereich, in dem das aktuelle Thema mit interaktiven Modulen dargestellt wird. Dann gibt es das Kletterregal, ein riesiges Bewegungselement, bei dem es darum geht, dass sich die Kinder austoben und entspannen können. Durch die Bewegung können sie sich im Anschluss wieder besser konzentrieren und dann am Werkstatttisch zum Thema der Ausstellung etwas selbst bauen, gestalten oder sich kreativ ausdrücken.

Museen haben oft ganz unterschiedliche Schwellen. Was ist nötig, damit Museen lebendige Orte für alle sind, auch für Kinder?

Wenn Kinder lernen, dass sie sich in Museen leise verhalten müssen, dass sie nichts anfassen dürfen, dann ist das für Kinder mit ihrem Bewegungsdrang natürlich langweilig. Kinder gehen am liebsten einfach los und probieren etwas aus. Deswegen versuchen wir ganz viel offen zu gestalten. 

Wie wichtig ist Museen die Zusammenarbeit mit Schulen und Familien?

Sowohl Schulen, als auch Kitas und Familien sind für Museen sehr wichtig. Mir liegt am Herzen, dass wir im MACHmit! Museum Kooperationsschulen und -kitas haben. Dadurch können wir z. B. die Kinder in Form eines Kinderrats an der Gestaltung der Ausstellungen beteiligen. Sie prüfen die Ausstellungen, die wir entwickeln und da fallen auch wirklich manche Sachen weg, die wir uns ausgedacht haben, weil die Kinder sagen: „Was soll der Quatsch? Wir wollen es anders und zwar so.“ Sie sind ein richtiger Bestandteil unseres Teams und führen dann auch mal ihre Klassen durchs Museum oder kommen mit ihren Familien.

Und wie erweitern Sie den Ort Museum?

Wir organisieren u. a. die Kinoveranstaltung „Film ab“ mit gestalterischen Workshops und haben eine Historische Museumsdruckerei im Haus, in der Kinder im Handsatz selber Texte setzen können. Dank Kooperationen mit einigen europäischen Kulturinstitutionen gibt es im Museum zusätzlich die „Bücherwunderkammer“, ein extra Raum, der zahlreiche Kinderbücher in verschiedenen Sprachen beherbergt. Weil die UN-Kinderrechte im Sinne von Janusz Korczak eine zentrale Rolle bei uns spielen, bieten wir dazu auch Workshops an und haben den Kinderrechte-Bus „Astrid“, der durch die Stadt reist und unsere Programme zu den Kinderrechten nach außen trägt. Darüber hinaus gibt es einen Tischlerschuppen-Bauwagen, der in einer Unterkunft für Geflüchtete steht. Somit gehen wir dorthin, wo ein Bedarf an praktischer Kultureller Bildung ist.

Was passiert, wie in der Corona-Krise, wenn Museen ihre Türen schließen müssen?

Das ist dramatisch, weil es dann noch einen Ort weniger gibt, der für Kinder relevant ist. Beim Lockdown in Frühjahr 2020 zeigte sich, wie schwierig es ist, wenn Kinder viel zu Hause rumsitzen und weniger Aktivitäten haben. Kinder müssen sich bewegen und so viele Informationen wie möglich von allen Seiten bekommen. Sie haben das Recht auf Informationsfreiheit und -möglichkeiten. Den ganzen Tag nur zu Hause spielen, wird irgendwann langweilig. Sie müssen auch anderes erleben können. Und das ist eben ein guter Auftrag für ein Kindermuseum: sich Themen anzunehmen – auch nicht so einfachen, und damit Kinder und ihre Erwachsenen herauszufordern und ins Gespräch zu kommen.

Kultur ist ein Lebensmittel – für alle Menschen.

Uta Rinklebe 
 

Was sind die großen Zukunftssorgen für Kindermuseen?

Für viele der überwiegend freien Kindermuseen ist zunächst die dramatische Finanzierungslage ein großes Thema, auch ganz konkret für das MACHmit! Museum. Aufgrund der Corona-Pandemie stehen wir inzwischen auf der Liste der bedrohten Kulturinstitutionen. Wirklich lange können wir nicht mehr durchhalten. Wir brauchen einfach die Hilfe von der Politik und das funktioniert nur, wenn Kinder als gleichwertige Menschen akzeptiert werden, sodass Kindermuseen die gleiche Wertschätzung erhalten wie andere Kultureinrichtungen. Das ist ein ganz wichtiger Punkt: Kultur ist ein Lebensmittel – für alle Menschen.


Der Beitrag ist erstveröffentlicht in: Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung e. V. (2021): Unverzichtbar – Orte Kultureller Bildung, kubi – Magazin für Kulturelle Bildung. No. 20-2021. Berlin. S. 17 – 19.

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