Interview

„Wir möchten jede*n Einzelne*n sehen“

27.06.18

Räume schaffen, in denen Jugendliche ihre Stärken entdecken und weiterentwickeln können. Das ist das Ziel des Projekts „Nie erwachsen – JUCA auf Schutour“ Jugendcafés Wermelskirchen. Projektleiter André Frowein beschreibt im Interview, wie das mit viel Musik und freiwiligem Engagement gelingt.

André Frowein leitet des JUCA Wermelskirchen, eine offene Jugeneinrichtung in Trägerschaft des Evangelisch freikirchliches Sozialwerks Wermelskirchen e. V.

André Frowein bei der Tagung „AllerArt – Inklusion und Kulturelle Bildung“ am 14. Juni 2019 in Essen.
André Frowein bei der Tagung „AllerArt – Inklusion und Kulturelle Bildung“ am 14. Juni 2019 in Essen.

Kern des Projekts „Nie erwachsen – JUCA auf Schultour“ sind Besuche von Newcomer-Bands an Schulen. Wie gelingt es, dass diese Besuche mehr werden als nur einmalige „Events“?

Wir setzen bei unseren Projekten auf Beziehungsarbeit. Für die Schultour haben wir Bands ausgesucht, von denen wir überzeugt sind, dass sie nicht nur musikalisches Know-how mitbringen, sondern auch Mitmenschlichkeit, Empathie und soziale Kompetenz. Im Rahmen der Tour, z. B. in den Nachmittags-Workshops, schaffen wir Raum, in dem sich die Schüler*innen mit den Bands anfreunden und Beziehungen zu ihnen aufbauen können. Auch die sozialen Netzwerke spielen dabei eine große Rolle. Die Newcomer-Bands, die wir einladen, möchten selbst Kontakt zu den Jugendlichen aufbauen und halten. Wir können diesen Austausch nur ankurbeln und hoffen, dass sich hieraus längerfristige Verbindungen entwickeln. Bei der Schultour 2017 haben wir Jugendliche wiedergetroffen, die im zurückliegenden Jahr immer wieder Kontakt zu einer Band der Schultour hatten. Sie kamen wieder, weil die Band SOLARJET, die erneut dabei war, die Kontakte gepflegt hatte und die Jugendlichen „ihre“ Band wiedersehen wollten. Teilweise sind sogar Freundschaften geschlossen wurden.

Wie ist die erste von drei im Rahmen des Innovationsfonds‘ „Kulturelle Bildung“ geplanten Schultouren mitsamt dem Abschlussfestival gelaufen? Was ist gelungen? Gibt es auch Dinge, die sie bei den nächsten Durchgängen anders angehen werden?

Die erste der drei Schultouren mit dem „Youthnited“-Abschlussfestival ist großartig verlaufen. Die Zusammenarbeit mit den Kooperationspartnern und den Schulen hat sehr gut funktioniert. Eine unserer größten Stärken sehen wir in dem unglaublichen Engagement unserer ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen in den verschiedenen Bereichen. Rund 30 Mitarbeiter*innen haben das Projekt Schultour unterstützt und rund 75 waren beim Festival mit Begeisterung dabei. Die Mischung aus einem hohen Maß an Fach- und Sozialkompetenz der einzelnen Bandmitglieder hat das gesamte Projekt abgerundet.

Zur Verbesserung ab diesem Jahr haben wir eine Bewirtungsvereinbarung, einen sogenannten „Hospitality Rider“, eingeführt. In dieser Vereinbarung mit den Schulen klären wir, was wir als Veranstalter mitbringen und vorbereiten und welche Aufgaben auf die Schulen zukommen. Durch klare Vorgaben erhoffen wir uns eine Vereinfachung der Abläufe des Schulmorgens.

Aufgrund des Feedbacks zum Festival im letzten Jahr werden wir die Abschlussveranstaltung Stück für Stück weiterentwickeln. Wir wollen uns von einem Tag auf ein Festivalwochenende ausdehnen. Der logistische und technische Aufwand für mehrere Veranstaltungstage ist nachhaltiger.

Warum eignen sich aus Ihrer Sicht die Format „Schultour“ und „Musikfestival“ gut, um zahlreiche Jugendliche unabhängig von ihrem sozialen, kulturellen, religiösen und familiären Hintergrund zu beteiligen?

Wir besuchen im Rahmen der Schultour verschiedene Schulen, so dass wir ganz unterschiedliche Jugendliche erreichen. Neben Gymnasien, Haupt- und Realschulen besuchen wir auch Förderschulen, weil wir glauben, dass jede*r Jugendliche*r, egal mit welchem sozialen, kulturellen, religiösen und familiären Hintergrund, eine Chance auf Zugang zu kultureller Bildung haben sollte. „Halte an deinen Träumen fest“ war und ist dabei der Leitgedanke. Die Bands sind an einem Punkt, an dem sie zu Recht von Erfolg in ihrer Bandgeschichte sprechen und auf einen längeren Werdegang zurückblicken können. Hier sollen Jugendliche sehen, was möglich ist, wenn man an seinen Träumen festhält. In den Unterrichtsstunden erzählen die Bands aus ihrem Leben und, dass sie jetzt das machen was sie sich einmal erträumt haben. Sie erzählen von Erfolgen und auch von ihren Misserfolgen und, wie sie damit umgegangen sind. Dies ermutigt und fordert zugleich heraus, darüber nachzudenken, was eigentlich „im eigenen Herz an Träumen schlummert“.

Alle Jugendlichen sind willkommen, bei der Schultour ehrenamtlich mitzumachen – wir fragen nicht nach dem Hintergrund oder den Fähigkeiten des Einzelnen. Wir möchten gerne jede*n Einzelne*n sehen und fördern. Auch an den Festivaltagen werden Jugendliche mit in die Gesamtplanung hineingenommen und dürfen sich in Bereichen wie Technik, Catering, Logistik etc. einbringen und ausprobieren. Wir fördern, dass hierbei Fähigkeiten entdeckt und weiterentwickelt werden. Die Jugendlichen sehen, was möglich ist, wenn man gemeinsam an einer Sache arbeitet und sich mit all seinen Möglichkeiten einbringt. Unsere christliche Wertvorstellung ist, das jeder Mensch ein von Gott begabtes und liebenswürdiges Wesen ist, egal wo er*sie herkommt und was der*die Einzelne glaubt. Das ist uns seit 11 Jahren in der offenen Jugendarbeit wichtig und das ist auch der Beweggrund für dieses Projekt.

Zitiervorschlag

BKJ: „Wir möchten jede*n Einzelne*n sehen“
https://www.bkj.de/ganztagsbildung/mixed-up-wettbewerb/wissensbasis/beitrag/wir-moechten-jeden-einzelnen-sehen/
Remscheid und Berlin, .

Typo: 357

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