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Interview

Neues entdecken und von Formalia lösen

Im Gespräch mit Marcus Kauer

17.08.18

Als Musiklehrer hat Marcus Kauer gesehen, was es bewirkt, wenn die Selbstwirksamkeit von Schüler*innen angeregt wird, wenn sie Verantwortung übernehmen dürfen. Das hat ihn neugierig gemacht, was wohl passiert, wenn diese Offenheit auf die gesamte Schule übertragen wird.

Was passiert, wenn Bildung und damit Schule ganz neu gedacht wird? Im Interview spricht Marcus Kauer über Kooperationen mit Künstler*innen und wichtige Bausteine im Prozess kultureller Schulentwicklung.

Marcus Kauer ist Lehrer für Musik und Geografie, Ministerialrat, ehemaliger stellvertretender Schulleiter und KulturSchulkoordinator einer KulturSchule in Marburg und aktiver Musiker. Als Referent für Kulturelle Bildung im Hessischen Kultusministerium berät er u. a. Schulleitungen.

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Eine Person hängt großformatige Bilder mit gemalten Selbstporträts von Kindern an einer Wand auf.

Welchen Mehrwert haben Kooperationen von Schule und externen Partnern?

Wenn wir an formale schulische Bildung denken, dann sind die professionellen Akteure erst einmal klar. Sie sind definiert: Schule = Lehrer und Lehrerinnen. Bildung ist aber auch immer abhängig von den Menschen, die den Bildungsprozess begleiten. So hat jede Institution und jede Person die Möglichkeit individuelles Wissen, Kompetenzen und Fähigkeiten weiterzugeben. Je mehr unterschiedliche Menschen im Bereich der formalen Bildung Platz finden, desto besser kann es natürlich auch gelingen, Qualität zu generieren. Ich glaube, dass externe Fachkräfte der Kulturellen Bildung, Künstler und Künstlerinnen, einen eigenen und damit speziellen Blick auf Jugend, auf Kindheit, auf die Welt und ihre Fachbereiche haben. Wenn wir sie in die Schulen holen oder Schule bei ihnen stattfindet, dann bekommen die Kinder diese Impulse zusätzlich mit auf den Weg. Sie entwickeln neue Interessen. Kooperationen erreichen auch diejenigen Kinder, die mit der formalen schulischen Bildung nicht gut zurechtkommen, und zeigten ihnen in ihrem direkten Lebensumfeld feld, nämlich vor Ort, neue Möglichkeiten auf: in der Musikschule, im Theater, im Jugendzentrum usw. Und all das sind ja Bildungsprozesse, die so durch die Öffnung von Schule entstehen. Es ist also für jede Schule interessant, Kooperationsformaten einen Platz einzuräumen.

Es gehört auch eine Bereitschaft auf beiden Seiten dazu, sich darauf einzulassen, Neues zu entdecken und sich von Formalia lösen zu können.

Marcus Kauer

Welches sind für Sie zentrale Merkmale von gelungenen Kooperationen zwischen z. B. Künstler*innen und Schule?  

Eine gelungene Kooperation ist, wenn etwas Neues von besonderer Qualität entstehen kann, die beide Partner allein in ihrem Umfeld gar nicht hätten zustande bringen können und sie gegenseitig wechselwirksam bereichert. Eine gelungene Kooperation ist es außerdem, wenn es einen Aushandlungsprozess im Vorfeld gibt, bei dem ein gegenseitiges Verständnis für die Profession der Beteiligten hergestellt wird. Wenn Lehrerinnen und Lehrer ein Verständnis dafür haben, was beispielsweise Künstler und Künstlerinnen im Alltag bewegt und welches Interesse sie haben, wenn sie in die Schule kommen. Und gleichzeitig auf der anderen Seite bei Künstlerinnen und Künstlern auch ein Verständnis dafür da ist, dass Lehrkräfte natürlich auch formale Bedingungen zu erfüllen haben. Es gehört auch eine Bereitschaft auf beiden Seiten dazu, sich darauf einzulassen, Neues zu entdecken und sich von Formalia lösen zu können. Gemeinsam muss es dann darum gehen, den Freiraum, der an Schulen besteht, kreativ zu nutzen. Und da gibt es viele Möglichkeiten, damit Künstlerinnen und Künstler im schulischen Kontext wirksam werden zu können.

Welche strukturellen Voraussetzungen sind notwendig, damit Lehrkräfte und Künstler*innen auf diese Art und Weise kooperieren können?

Wir sagen, wir wollen Formate Kultureller Bildung an Schulen und stellen Raum und Zeit bereit, damit das stattfinden kann. Das gelingt aber nicht so einfach, weil der Alltag uns scheinbar so viele Grenzen setzt. Da sitzen wir in einer „Schonraum-Falle“. Man versucht das System Schule zu schonen. Kulturelle Bildung soll möglichst den Schulalltag nicht stören und deswegen werden die Künstlerinnen und Künstler oftmals parallel zum Alltag platziert. Dann kann es aber nicht gelingen und wird es auch nicht. Aus der Falle kommt man nicht raus, solange man den Schonraum – die Schule, den Schulalltag – versucht zu lassen, wie er ist. 

Das heißt, Leitungspersonen in Schule müssen sich die Rahmenbedingungen nehmen und schauen, wo Lücken entstehen können?  

Genau. Und da empfehle ich ganz konkret Fortbildungen in diese Richtung, zum kreativen Umgang mit Stundenplänen, mit den rechtlichen Vorgaben, zu Zeittafeln, zu den Stundentafeln für die einzelnen Fächer. Workshops und Fortbildungen für Schulleitungen zur Ausgestaltung von neuen Stundenplanformaten. Wenn tatsächlich ein Künstler oder eine Künstlerin im Mathe-Unterricht dabei ist, dann reichen 90 Minuten einfach nicht.

Künstlerinnen und Künstler werden oftmals parallel zum Alltag platziert. Dann kann es aber nicht gelingen und wird es auch nicht. Aus der Falle kommt man nicht raus, solange man den Schonraum – die Schule, den Schulalltag – versucht zu lassen, wie er ist.  

Marcus Kauer

Welche Erfahrungen haben Sie persönlich mit kultureller Schulentwicklung? 

Ich habe zehn Jahre an einer Schule gearbeitet und dort den Musikunterricht umstrukturiert. Da hatte ich gesehen, was es mit Kindern macht, wenn Selbstständigkeit und Selbstwirksamkeit angeregt werden. Der Musikbereich wurde komplett den Kindern übergeben. Ich habe damals gesehen, wie sich Schule verändern kann und wie sich dadurch auch die Haltung der Kinder der Schule gegenüber verändert, von „das ist eine Schule“ zu „das ist meine Schule“. Also: Verantwortungsübernahme. Vandalismus und Diebstahl blieben plötzlich aus. Das hat mich total beflügelt und mich neugierig gemacht, was passiert, wenn man das, was ich dort im Musikbereich erlebt habe, auf eine ganze Schule überträgt. Dann kam ich vor zwölf Jahren an die Richtsberg-Gesamtschule in Marburg mit dem Auftrag in der Schulleitungsrolle Kulturelle Bildung zu etablieren. Es gab dort einen Flügel mit einem dicken Schloss dran. Den durfte niemand benutzen, nur der damalige Musiklehrer. Der Musikraum war ein Kellerraum mit dicken Stahltüren. Es gab nur leere Kartons. Wenn es einmal Instrumente gab, waren die alle verschwunden. Ich hatte weder personelle noch finanzielle Ressourcen. Und dann ging das los. Wir haben Flaschenpfand gesammelt, wir haben Dachbodenfunde verliehen und vom dem Geld dann neue Instrumente gekauft und super günstig vermietet. Schließlich hatten wir einen riesigen Musikbereich mit 14 Schlagzeugen, 20 Gitarren, drei Flügeln und einer großen Orgel.  

Und wie hat sich das dann auf die gesamte Schule übertragen lassen?

Eine Beobachtung war, dass im naturwissenschaftlichen Bereich die Kinder dann interessiert sind, wenn der Versuch genial ist. Sie sitzen dann begeistert in Chemie, wenn es qualmt und eine Explosion gibt. Das wollen sie auch erzeugen, also nachbauen. Dafür gibt es aber keine Zeit, denn es gongt und dann ist Sportunterricht. Um das aber zu ermöglichen, hatten wir die Idee mit den offenen Laboren. Wie im Musikbereich konnten also die Schülerinnen und Schüler die Organisation im Nawi-Bereich übernehmen.

Wie haben Sie das Kollegium in diesem Prozess mitgenommen?

Bei uns war der wichtigste Baustein, dass wir zu allererst versucht haben alle Kolleginnen und Kollegen mit den Künsten in Kontakt zu bringen. Also nicht viel darüber reden, wie toll Kulturelle Bildung ist oder wie toll die Künste sind, sondern die Lehrer und Lehrerinnen selbst erleben lassen, was macht die Kunst mit mir. Wenn man in der Gesamtkonferenz das erste Mal sagt: „Kulturelle Bildung ist toll“ und alle sagen: „Ja, das stimmt“, dann denken sie vielleicht auch: „Das betrifft mich ja nicht, denn ich bin Sportlehrerin oder ich bin Biologielehrer“. Wenn dann aber deutlich wird, dass die Künste in allen Fächern wirksam werden können und wenn die Lehrerinnen und Lehrer selbst diese Erfahrung gemacht haben, vielleicht sogar noch eine Kunst für sich entdecken, die ihnen Freude macht oder ästhetische Zugänge liefert, dann gibt es eine konkrete Haltungsveränderung. Und das auch sehr schnell ohne viel darüber reden zu müssen.

Kooperationen erreichen auch diejenigen Kinder, die mit der formalen schulischen Bildung nicht gut zurechtkommen, und zeigt ihnen in ihrem direkten Lebensumfeld, nämlich vor Ort, neue Möglichkeiten auf: in der Musikschule, im Theater, im Jugendzentrum usw.

Marcus Kauer

Was halten Sie von gemeinsamen, also interprofessionellen, Fortbildungen für Künstler*innen und Lehrer*innen?

Das ist wichtig, gerade um die Schnittstelle zu professionalisieren, haben wir auch immer wieder Fortbildungen angeboten. Das sind dann Fortbildungen der Begegnung und auch des Versuches, ein gegenseitiges Verständnis für die entsprechende Rolle in einer Kooperation herzuleiten. Und trotzdem muss es bei einer Kooperation auch passen, auch, wenn alles schon so professionalisiert ist. Sie können nicht in jeder Institution mit jeder Person versuchen, dieselbe Qualität oder ein erfolgreiches Arbeiten zu ermöglichen. Man muss schauen, wer passt zu dem Schülerklientel vor Ort, wer passt in das Kollegium? Für diese Offenheit muss man in Fortbildungen auch sensibilisieren.

Wie ging es dann mit Ihrem Prozess an der Richtsberg-Gesamtschule weiter?

Wir haben natürlich auch die Zusammenarbeit mit Künstlerinnen und Künstlern etabliert, neue Unterrichtskonzepte entwickelt, Pläne komplett geändert. Zum Beispiel haben wir angefangen mit einem Projekttag im Jahrgang 5 und 6, an dem die Schülerinnen und Schüler gar nicht mehr in der Schule sind. Sie gehen stattdessen in eine Musikschule, die anderen gehen in das Landestheater, andere wiederum in den Wald oder sind im Sport- und Tanzbereich aktiv. Dieser Tag wird mit Stunden aus den Bereichen Musik, Kunst, Biologie und Sport gespeist, sodass die Fächer auch abgebildet sind. Aber es war gleich klar, Musik findet eben in den Räumen der Musikschule statt und zwar auch mit Lehrerinnen und Lehrern der Musikschule oder im Theater fand der Unterricht mit Theaterpädagoginnen und Theaterpädagogen statt. Damit war der Mittwoch schon einmal ein Tag, an dem Schule anders gedacht wurde. Und plötzlich hatten die Chemielehrerinnen und -lehrer auch Kinder, die ein großes Interesse an diesem Fach hatten, gleiches passierte in Physik und Biologie. Und dann waren sie mit den Mikroskopen im Wald oder im „Chemikum“ der Universität Marburg. Das war der Einstieg, der alle überzeugt, dass Kulturelle Bildung in der ganzen Schule gelebt werden kann.

Literatur

Braun, Tom (2013). Kulturelle Schulentwicklung. Wissensplattform Kulturelle Bildung Online.

Weitere Informationen

Broschüre KulturSchule Hessen. Schulentwicklung und optimale Förderung durch Kunst und Kultur (2015), hrsg. v. Hessisches Kultusministerium

Das Interview ist erstveröffentlicht im Onlinemagazin Kooperationen und Bildungslandschaften der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ), Ausgabe Juli 2018.

Erneut veröffentlicht wurde es in der Arbeitshilfe „Kulturelle Schulentwicklung. Mit Kunst und Kultur Schule gestalten" der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (2019):

Zitiervorschlag

BKJ: Neues entdecken und von Formalia lösen
https://www.bkj.de/ganztagsbildung/mixed-up-wettbewerb/wissensbasis/beitrag/neues-entdecken-und-von-formalia-loesen/
Remscheid und Berlin, .

    BKJ-Inhalt

    Typo: 357

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