Interview

Engagement-Bereitschaft ist da

15.12.17

Sich in Kultur zu engagieren ist attraktiv für freiwillig Engagierte, aber wie voraussetzungsreich ist es? Und stimmt das? Was ist wichtig, um freiwilliges Engagement für Kulturelle Bildung, u. a. in lokalen Bildungsnetzwerken, zu fördern? Maud Krohn gibt im Interview Antworten.

Maud Krohn ist bei der BKJ u. a. für die Evaluation der Freiwilligendienste Kultur und Bildung und weiterer inhaltlicher Schwerpunkte zuständig. Zuvor war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin in Forschungsprojekten zu freiwilligem Engagement und Kompetenzentwicklung tätig.

Dieses Gespräch legt seinen Fokus auf zwei Evaluationen, also die Auswertung von Befragungen, die Sie begleitet haben. Das eine ist die Sonderauswertung des Freiwilligensurvey 2014 „Freiwilliges Engagement in Kultur“ und die zweite ist die Befragung „Ehrenamtliches Engagement“, die Sie für das Programm „Künste öffnen Welten“ mitentwickelt haben. Lassen Sie uns am Anfang zunächst auf die Ergebnisse des Freiwilligensurvey 2014 schauen. Welche Aussagen werden hier in Bezug auf Engagement in Kultur und Bildung getroffen?

Kultur und Bildung gehören laut den Ergebnissen des Freiwilligensurveys zu den attraktiven Bereichen. „Schule und Kindergarten“ ist der zweitgrößte Engagementbereich. Am dritthäufigsten engagieren sich Menschen in Kultur. Dass „Schule und Kindergarten“ so ein großer Bereich ist, lässt sich durch das Engagement der Eltern erklären, wenn ihre eigenen Kinder diese Institutionen durchlaufen. Das ist das eine. Im Freiwilligensurvey wurden Menschen, die sich nicht engagieren, außerdem gefragt, ob sie sich engagieren würden und ob sie auch schon wüssten wo. Die Hälfte wäre bereit sich zu engagieren, allerdings nur wenige im Kulturbereich. Das liegt vermutlich an dem Ruf, dass im Kulturbereich immer schon künstlerische und kulturelle Kompetenzen mitgebracht werden müssten. Der Bildungsbereich ist hier dagegen sehr groß. Nur für den sozialen Bereich interessieren sich noch mehr Menschen, die sich aktuell nicht engagieren.

Können Sie das nochmal näher erläutern?

Ich denke, dass sich bei „Schule und Kindergarten“ eben gut anknüpfen lässt. Durch eigene Kinder. Auch den sozialen Bereich kennen alle. Und dieser Bereich hat den Ruf, dass man einfach vorbeikommen kann und mithelfen kann. Im kulturellen Bereich sind schon die Beschreibungen von Engagementtätigkeiten sehr kompliziert und wenig anschlussfähig. Wir haben deshalb auch eine Empfehlung ausgesprochen: Guckt doch mal auf die anderen Dimensionen, denn auch im Kulturbereich gibt es die soziale Dimension oder die Bildungsdimension. Auf der Suche nach Engagierten lohnt es sich diese zu betonen. Das ist dann auch die Schnittstelle zur Kulturellen Bildung.

Können Bündnisse für Bildung Engagementmöglichkeiten bieten?

Dazu habe ich mir die vorläufige Auswertung der Befragung in „Künste öffnen Welten“ [Anm. d. Red. BKJ-Förderprogramm im Rahmen von „Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung“ des BMBF] angeschaut, da stellt sich heraus, dass etwa 85 Prozent der Organisationen in den Bündnissen per se mit Ehrenamtlichen arbeiten. Grob lässt sich sagen, dass also sehr oft mindestens ein Bündnispartner schon Erfahrung mit der Arbeit mit Ehrenamtlichen hat. Innerhalb des Programms sind es zwei Drittel, die mit Ehrenamtlichen in den Projekten zusammenarbeiten. Es sind möglicherweise sogar mehr als zwei Drittel, weil wir pro Bündnis immer nur einen Partner befragt haben. Das zeigt, dass das Thema auf jeden Fall relevant ist und dass viel Potenzial in dieser Kombination steckt.

Kultur-Engagierte im Zeitvergleich (in Prozent)

Darüber hinaus, welchen Mehrwert haben Engagierte für Bildungsnetzwerke?

Da können wir darauf zurückgreifen, was Organisationen generell zum Mehrwert von Engagement sagen: Es ist vor allem der neue Blick, den Engagierte mit hineinbringen. Oder sie können zusätzliche Aufgaben bewältigen, die sonst nicht geschafft werden. Das ist ein nutzenorientierter Blick. Es gibt eine Position, die sagt, wenn ich Engagierte einbinde, dann bin ich auch mehr mit der Basis verknüpft oder mit meinen Nutzer*innen, in dem ich diese schon in die Arbeit und Gestaltung der Projekte mit einbinde. Eine weitere Dimension ist eher politisch und sagt, dass solche Bündnisse Menschen die Möglichkeit eröffnen, mitzubestimmen.

Motive der Engagierten insgesamt sowie jener in Kultur und Musik (in Prozent)

Lassen sich auch Trends für Formen von freiwilligem Engagement feststellen?

Für den Kulturbereich hat die Sonderauswertung des Freiwilligensurveys folgendes festgestellt: Die Hälfte engagiert sich in Vereinen. Vereine sind also immer noch die Hauptstruktur für Engagement. Auch der gefühlte Mitgliederschwund betrifft nur einige Vereine, auch im Kulturbereich. Etwa 25 Prozent. Ein Fünftel – das ist etwas Besonderes für den Kulturbereich – organisiert sich in freien Gruppen, in Initiativen, Projekten außerhalb von Vereinen. Das kann lang- oder kurzfristig sein. Dazu sagen die erhobenen Daten nichts Konkretes aus.
Was der Freiwilligensurvey sagt, ist, dass drei Viertel aller Engagierten, sich mehr als zwei Jahre engagieren. Nur ein Viertel engagiert sich zwei Jahre oder kürzer. Das ist enorm! 60 Prozent der Engagierten in Kultur – mehr als die Hälfte – sagen, sie engagieren sich einmal oder mehr pro Woche. Das ist auch sehr viel, finde ich. Es deutet daraufhin, dass es diese Langfristigkeit im Engagement noch gibt. Menschen, die sich aktuell nicht engagieren, finden aber kurze Projekte offensichtlich interessanter als die langfristigen. Hier ist der Einstieg leichter. Das ist ein Punkt, an dem Bündnisse einhaken können: projektbezogen Menschen für ein oder zwei Schulhalbjahre einbinden. Das bestätigt auch die Befragung in „Künste öffnen Welten“. Hier wurde angegeben, dass 60 Prozent der Organisationen neue Engagierte für ihre Projekte gewonnen haben.

Kultur-Engagierte nach Organisationsform (in Prozent)

Wie wichtig ist der lokale oder regionale Bezug? Sagen die Zahlen darüber etwas aus?

In der Sonderauswertung zeigt sich, dass nahezu alle sich vor Ort engagieren. Es scheint also auch das Interesse der Engagierten zu sein, ihr Umfeld mitzugestalten. Da liegt auch das Potenzial der Engagierten für lokale Bildungslandschaften.

Welche Rahmenbedingungen braucht es für mehr Engagement in Projekten und Einrichtungen der Kulturellen Bildung und in Bildungsnetzwerken?

Gute Rahmenbedingungen sind Einarbeitung, Begleitung, Einbindung, Ansprechpersonen. Im Freiwilligensurvey wurde gefragt, was sich die Menschen von den Organisationen wünschen. Vor allem Räume und Ausstattung ist der häufigste Wunsch. Auch die Verabschiedung von freiwillig Engagierten ist ein wichtiger Punkt. Denn Menschen, die sich schon einmal engagiert haben, aber aktuell nicht, haben bei der Frage, ob sie sich wieder engagieren würden, doppelt so oft ja gesagt, wie die anderen. Deshalb sollte der Abschied als zentrales Element der Begleitung angesehen werden, könnte er doch ein Wiederkommen fördern.

Das Interview ist erstveröffentlicht in: Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (Hrsg.) (2017): Themenheft Kommune. Kommunal. Lokal. Regional – Bildungsbündnisse vor Ort vernetzen und verankern. Online-Publikation. Berlin.

Zitiervorschlag

BKJ: Engagement-Bereitschaft ist da
https://www.bkj.de/engagement/wissensbasis/beitrag/engagement-bereitschaft-ist-da/
Remscheid und Berlin, .

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    Typo: 332

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