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Aus der Praxis

#vieleleben statt Influencer-Einheitsbrei

Projekt „#vieleLeben“, die Debütanten und Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf, Berlin

30.09.21

Millionenfache Herzchen und Likes: Influencer*innen erreichen eine traumhafte Quote an Aufmerksamkeit. Doch stereotype Geschlechterbilder oder Werbung, die sie über Social Media verbreiten, sind weit weniger traumhaft. Was macht das mit uns – fragen sich junge Menschen in Berlin.

Von: Kathrin Köller

Ist das Internet nicht die vielfältigste Bühne der Welt, auf der sich die verschiedensten Menschen tummeln und millionenfach verschiedene Geschichten erzählen? Die 2019 veröffentlichte MaLisa Studienreihe „Weibliche Selbstinszenierung in den sozialen Medien“ hat, wie andere Studien auch, dazu Irritierendes zutage gefördert. In vielerlei Hinsicht. Junge Frauen sind auf YouTube deutlich unterrepräsentiert. Und wenn sie Einfluss haben, ist dieser zumeist nicht gerade segensreich. Erfolgreiche weibliche Influencer*innen zeigen sich v. a. im engen Korsett der Beauty- und Mode-Tipps. Für Mädchen, die ihnen folgen, gewinnen diese Themen ein absolutes Übergewicht und damit wird der selbstkritische Blick auf den eigenen Körper immens verstärkt. Auch der Blick auf Mädchen wird durch das sexualisierte Frauenbild in den Social Media geprägt. 75 Prozent aller Jungen hätten gerne eine Freundin, die aussieht wie die Sängerinnen in Musikvideos.

Möglich machen & machen lassen

In Berlin-Steglitz-Zehlendorf schließen sich der Suchtexperte Ralf Hepprich vom Bezirksamt und die Fachreferentin für Politische und Kulturelle Bildung Tanya D’Agostino vom Jugendamt zusammen. Sie wollen das Thema Influencertum künstlerisch angehen. Lassen. Denn für beide ist klar, die inhaltliche Auseinandersetzung muss von Jugendlichen selbst geführt werden. „Junge Menschen sind von Insta, YouTube und inzwischen auch TikTok ganz konkret betroffen. Und sie sind längst die Expert*innen, die in vielen Diskussionen schon fortgeschrittener sind als wir Erwachsene“, sagt Tanya D’Agostino. Also stellen Ralf Hepprich und sie jede Menge Anträge, schaffen Räume und übergeben die Studie und die inhaltliche Auseinandersetzung an die Südberliner Jugendtheatergruppe, Die Debütanten.

Dadurch, dass gerade meine Generation so viel mit diesen Medien zu tun hat, kennen wir die in und auswendig und jeder Unterschied fällt auf. Und plötzlich wusste ich, dass es nicht möglich sein wird, dieses Thema für meine Generation kritisch aufzubereiten, ohne die Medien selbst zu benutzen.

Annika Gebhard, die Debütanten, Berlin

Nicht ohne soziale Medien

Deren Regisseurin Annika Gebhard ist zu dem Zeitpunkt 19 Jahre alt, hat bis dato zwei klassische Theaterwerke inszeniert und nun wenige Wochen Zeit, eine eigene kritische Auseinandersetzung mit dem Thema Social Media auf die Bühne zu bringen. Anfangs weiß sie erst einmal nur, was sie nicht will. „Wenn ich Filme gesehen habe, wo über soziale Medien gesprochen und das Internet in eine analoge Welt übersetzt wird, oder wenn in Filmen Interfaces sozialer Netzwerke nachgebaut werden, konnte ich das einfach nicht ernst nehmen“, erzählt die junge Theaterleiterin. „Dadurch, dass gerade meine Generation so viel mit diesen Medien zu tun hat, kennen wir die in und auswendig und jeder Unterschied fällt auf. Und plötzlich wusste ich, dass es nicht möglich sein wird, dieses Thema für meine Generation kritisch aufzubereiten, ohne die Medien selbst zu benutzen.“

Kollektiver Schreibprozess

Und so entsteht im Kern-Team der Debütanten am Haus der Jugend Zehlendorf die Idee, das Theaterspiel mit einer Videoinstallation zu verbinden und drei große Handy-Bildschirme auf die Bühne zu stellen, auf denen Screenvideo abläuft, und das ein Handy den Bildschirm selbst filmt. Technisch durchaus aufwendig, die Jugendlichen haben viel zu organisieren, Tanya D’Agostino und Ralf Hepprich kümmern sich derweil im Hintergrund um die Finanzen und die Podiumsdiskussion. Die Jugendtheatergruppe macht sich außerdem auf die Suche nach Mitspieler*innen und startet einen Aufruf – auf Instagram. Denn, und auch das ist den Debütanten klar, sie wollen soziale Medien nicht an sich verdammen und sie werden sie auch weiterhin nutzen. Und es ist auch der richtige Weg, um schnell eine bunt zusammengewürfelte Gruppe zu finden, die Lust auf eine kritische Auseinandersetzung hat. Und ab da wird es so richtig partizipativ. Gemeinsam setzen sich die 15 jungen Theaterbegeisterten zusammen, sprechen über die Inhalte der Studie und diskutieren, wie sich die Zahlen und Fakten in performative Spielszenen umbauen lassen. Anschließend schreiben die jungen Schauspieler*innen ihre Szenen selbst.

Krieg ich ein „I love you?“

Was kompliziert klingt, wird richtig gut. Im Winter 2019/2020 kommt #vieleleben zur Aufführung. Wenn die Verkäufer von InfluSense ihren Kund*innen verklickern, wie sie ihre Produkte über die Insta-„Freundin“ der Tochter verticken, wenn „hallo ich bin’s, eure Sophie“ dann treuherzig auf Social Media ihre vielen „absoluten Lieblingsprodukte“ anpreist, wenn die Schauspieler*innen unter den überdimensionierten Handys Good Caption, Bad Caption spielen, wenn plötzlich ganz kurz ein irgendwie verdammt ähnlicher Werbeclip aus den 1950ern über den Bildschirm flackert, dann ist das alles gleichzeitig saulustig und total beklemmend. Oder um es mit den Worten der Dieter Baacke-Preis-Jury 2020 zu sagen: „Der Lebensweltbezug, die Medienkritik, die Auseinandersetzung mit Vorbildern, mit Rollen und der eigenen Identität, [...] und nicht zuletzt die multimediale Umsetzung mit ihren mal aufrüttelnden und mal poetischen Bildern haben die Jury überzeugt.“

Hinter den Herzchen

Aber das ist noch nicht alles. Projektleiter Ralf Hepprich war es wichtig, neben der theatralen Auseinandersetzung zusätzlich eine Jugendtalkshow zu etablieren. Und so treffen im Anschluss an das 45-minütige Stück drei jugendliche Moderator*innen mit jeder Menge kritischen Fragen auf drei waschechte Influencer*innen. „Die Begegnung zwischen diesen beiden Welten war unglaublich gut“, erinnert sich Tanya D’Agostino an die Diskussionen im Anschluss an die Aufführungen. Und Annika Gebhard ergänzt: „Es fehlt ein Bewusstsein von Konsumenten-, aber eben auch von Produzentenseite. Ich möchte, dass die Influencer*innen hinter die Likes schauen und sehen, dass sie auch eine gewisse Verantwortung tragen.“ Und nicht nur sie. Vielleicht ist es auch eine Aufgabe von Politik und Gesellschaft, an den Rahmenbedingungen etwas zu ändern. In Norwegen ist gerade ein neues Werbegesetz in Kraft getreten, nachdem retuschierte Bilder auf Social Media gekennzeichnet werden müssen.

The Show Must Go On

Zwei Mal fand die multimediale Auseinandersetzung #vieleLeben bislang statt. Die Begeisterung war groß. Dann kamen Corona und Lockdown. Ob heute ein neuer Anlauf möglich wäre? Die ersten Schulen haben schon nachgefragt. Und auch Annika Gebhard hat den Blick nach vorne gerichtet, möchte die TikTok-Entwicklung des letzten Jahres noch einarbeiten und dann mit dem Stück auf eine richtige Bühne.

Der Beitrag ist erstveröffentlicht in: Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung e. V. (2021): Digital – Jugend Macht Transformation, kubi – Magazin für Kulturelle Bildung. No. 21-2021. Berlin. S. 16 – 19.

Zitiervorschlag

BKJ: #vieleleben statt Influencer-Einheitsbrei
https://www.bkj.de/digital/wissensbasis/beitrag/vieleleben-statt-influencer-einheitsbrei/
Remscheid und Berlin, .

    BKJ-Inhalt

    Typo: 723

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