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Interview

Mensch – Maschine – Künste

Im Gespräch mit Mattis Kuhn, Künstler und Kurator

28.10.21

In den Künsten werden digitale Tools genutzt. Und umgekehrt: Neue Technologien nutzen Werke der Kunst. Unsichtbares wird sichtbar und Veränderung verstehbar. Offen ist, wie in den Künsten eine analog-digitale Balance gehalten und Filterblasen zum Zerplatzen gebracht werden.

Mattis Kuhn, Künstler und Kurator, arbeitet zur wechselwirkenden Gestaltung von Menschen, Maschinen und der gemeinsamen Umwelt. Im Fokus stehen Algorithmen, KI, formale Systeme und Software, sowie die Verflechtung von Kunst, geisteswissenschaftlicher Forschung und Informatik.

Sie sind Künstler, Kurator und forschen u. a. im Bereich Mensch-Maschine-Umwelt. Welche neuen Möglichkeiten schafft das Digitale bezogen auf die Künste?

Generell ist es ja so, dass wir Menschen unsere eigenen Fähigkeiten, Dinge zu tun, Dinge wahrzunehmen oder einen Zugang zur Welt zu bekommen, seit Jahrhunderten durch technische Hilfsmittel erweitern. Das trifft im Besonderen auf das Digitale zu. Für die Kunst ergeben sich dadurch von der Produktionsseite her u. a. neue Werkzeuge oder „Tools“, um künstlerisch zu arbeiten, z. B. 3D-Drucker, durch die man dreidimensionale Objekte nicht mehr händisch fertigen muss, sondern digital erzeugen und ausdrucken kann. Auch Virtual und Augmented Reality sind seit ein paar Jahren zugänglich. Und ungefähr vor fünf Jahren begann eine neue Welle der künstlerischen Auseinandersetzung mit KI, also Künstlicher Intelligenz. Künstler*innen erzeugen mit einer KI zusammen Bilder oder Klänge oder schreiben Texte.

Besonders hinsichtlich Filterblasen, Fake News und computergenerierten Inhalten ist es wichtig, dass wir über eigenes Urteilsvermögen verfügen. Kunst kann uns dabei helfen, dieses auszubilden. Das beginnt damit, dass wir in der Auseinandersetzung mit Kunst unsere sinnliche Wahrnehmung ausbilden – und zwar schon sehr früh, auch im Kindesalter.

Mattis Kuhn

Was finden Sie aus künstlerischer Sicht besonders spannend an diesen Entwicklungen?

Zum einen finde ich spannend, wie sich die Tools, die wir benutzen, mit in die Kunstproduktion, aber auch den Alltag darüber hinaus, einschreiben – also zu reflektieren, wie diese Mittel, die in der Regel nicht aus der Kunstwelt kommen, sondern industrielle Entwicklungen sind, unsere Welt und damit natürlich auch uns ändern und gestalten. Und der zweite Aspekt ist die erwähnte Erweiterung der körpereigenen Fähigkeiten durch externe Mittel: die Möglichkeit, z. B. neue Bilder oder Texte zu erzeugen, wie man sie ohne technische Hilfsmittel eventuell nicht erzeugen würde oder könnte. Also einerseits diese Entwicklungen zu reflektieren, andererseits aber auch selbst an Veränderungen mitwirken.

Wie verändert das Digitale uns, unsere Vorstellung und Erfahrung?

Zunächst vergrößert es unseren Möglichkeitsraum. Wir haben Zugriff auf viel mehr Informationen und können mehr tun. Auf der anderen Seite reduzieren wir aber auch unsere körpereigenen Fähigkeiten, z. B. das Erinnerungsvermögen. Ich muss nur noch wissen, wo ich etwas finde oder abgespeichert habe. Dank der Navigationssysteme in unseren Smartphones müssen wir uns kaum noch eigenständig orientieren. Dies ist natürlich über das Navigieren von A nach B hinaus übertragbar. Digitale Services suggerieren für jegliche Lebenssituationen die passende Lösung zu haben. Wir agieren in der Welt zunehmend durch technische Geräte und Systeme. Das bringt uns auch in eine Abhängigkeit: Wenn die Technik versagt oder wir auf sie verzichten wollen, wissen wir womöglich nicht mehr, wie wir Dinge dann bewerkstelligen sollen. Das ist das eine. Zum anderen verändert es unser Selbstbild. Lange Zeit war es so, dass Kreativität als eine menschliche Fähigkeit gesehen wurde, die sich nicht automatisieren lässt. In den letzten Jahren gab es dann viele Versuche, Bilder oder Kompositionen automatisiert herzustellen, um herauszufinden, wie genuin menschlich Kreativität tatsächlich ist. Ich denke schon, dass zur künstlerischen Produktion deutlich mehr dazugehört, als wir es zumindest aktuell in Maschinen implementieren können. Allen voran das Verstehen von Kontext und das Eingebundensein in die Welt. Aber viele der in unserer Gesellschaft gefragten Fähigkeiten sind letztendlich doch maschinell ausführbar. Dafür werden im Gegenzug andere Dinge besonderer. So ist in den letzten Jahren die Wertschätzung für Handgemachtes oder nicht ganz so Perfektes größer geworden aufgrund der vielen maschinell herstellbaren Produkte, die tendenziell so clean sind.

Welche Rolle spielen künstlerische Prozesse und deren Vermittlung in dieser veränderten Wahrnehmung?

Es ist ja so: Wenn uns etwas durch Maschinen vorgeschlagen oder berechnet wird, tendieren wir dazu, diesen Ergebnissen zu vertrauen und unsere eigene Urteilsfähigkeit abzuschalten. Besonders hinsichtlich Filterblasen, Fake News und computergenerierten Inhalten ist es wichtig, dass wir über eigenes Urteilsvermögen verfügen. Kunst kann uns dabei helfen, dieses auszubilden. Das beginnt damit, dass wir in der Auseinandersetzung mit Kunst unsere sinnliche Wahrnehmung ausbilden – und zwar schon sehr früh, auch im Kindesalter. Im Urteilen geht es dann nicht darum, zu finalen Schlüssen zu kommen, sondern vielmehr das Urteilen selbst zu reflektieren. Kunst lässt sich nicht leicht und eindeutig in Kategorien einteilen. Sie lässt sich aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten. In der Auseinandersetzung mit Kunst können wir unsere Offenheit gegenüber dem Unbekannten wahren und uns darin üben, uns auf Anderes einzulassen.

Eine wesentliche Qualität der Kunst ist es, dass sie uns Menschen vor die Herausforderung stellt, uns mit uns selbst und der Gesellschaft auseinanderzusetzen. Wenn Kunst nun aber überwiegend individuell zugeschnitten würde, vermindert dies diese Qualität und führt in Richtung Filterblasen.

Mattis Kuhn

Welche gesellschaftliche Rolle nehmen die Künste in der Auseinandersetzung mit dem Digitalen ein?

Aus einer eher kunstfernen Perspektive wird Kunst u. a. zur Visualisierung von technischen Fähigkeiten eingesetzt, z. B. der Darstellung von Algorithmen oder Robotern. Große Technologiekonzerne, aber auch Hochschulen, an denen diese entwickelt werden, nutzen die Kunst, um ihre technischen Entwicklungen der Gesellschaft zu vermitteln oder – in Bezug auf Unternehmen – auch um ihr Image aufzubessern. In dieser Hinsicht wird Kunst regelrecht ausgenutzt. Andererseits kann die Kunst Zugänge zu technischen Entwicklungen ermöglichen, indem sie diese sinnlich wahrnehmbar macht. Dadurch sind sie häufig eher zu verstehen oder zumindest nachzuvollziehen und es lässt sich auch leichter darüber sprechen. Kunst lädt – nicht nur, aber eben auch – Kinder und Jugendliche ein zu einem spielerischen oder experimentellen Umgang mit diesen Technologien, in dem sie anders als in ihrer intendierten Funktionslogik gesehen oder genutzt werden können.

Welchen Einfluss hat das Digitale auf die Kommunikation und Vermittlung der Künste?

Durch die Digitalisierung ist Kunst mittlerweile jederzeit im Netz verfügbar. Die Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur wird dadurch ebenfalls in andere Räume verlagert und findet nun auch stark in den sozialen Medien statt. Das hat nicht zuletzt in der Corona-Pandemie auch Vorteile. Klar ist aber auch, dass durch die fehlende physische Präsenz der Werke oder anderer Besucher*innen auch etwas verloren geht. Dennoch sehe ich die Erreichbarkeit von Kunst über das Internet grundsätzlich positiv.

Inwiefern verändert sich die Beziehung zwischen Rezipient*innen und Produzent*innen?

Wenn Künstler*innen oder generell Produzent*innen von Artefakten ihr Tun in den sozialen Medien teilen, können die Rezipient*innen häufig nicht nur das Endergebnis sehen und darüber mit den Produzent*innen kommunizieren, sondern oft auch den Anfertigungsprozess mitverfolgen und beeinflussen. Die Digitalisierung führt außerdem zu Versuchen Kunst oder das Kunsterlebnis zu personalisieren. Eine wesentliche Qualität der Kunst ist es aus meiner Sicht allerdings, dass sie uns Menschen vor die Herausforderung stellt, uns mit uns selbst und der Gesellschaft auseinanderzusetzen. Wenn Kunst nun aber überwiegend individuell zugeschnitten würde, vermindert dies diese Qualität und führt in Richtung Filterblasen.

Der Beitrag ist erstveröffentlicht in: Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung e. V. (2021): Digital – Jugend Macht Transformation, kubi – Magazin für Kulturelle Bildung. No. 21-2021. Berlin. S. 42-45.

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