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Aus der Praxis

In der Musik das Miteinander entdecken

Projekt „Jugendsinfonieorchester Schwerin (JSO) und Landesjugendorchester Mecklenburg-Vorpommern (LJO)“

23.01.24

Dass ein Orchester ein Ort ist, an dem es neben dem Musizieren auch darum geht, einander zuzuhören, miteinander Großes zu gestalten und einander zu unterstützen, hat Friederike selbst erlebt. In Schwerin spielt sie gleich in zwei Jugendorchestern und ist begeistert von der Gemeinschaft.

Von Helga Bergers

Wenn Friederike über das Musizieren spricht, ist ihre Begeisterung sofort für alle zu spüren. „Jeder sollte ein Instrument spielen, weil ein Instrument einem ganz, ganz viel beibringen kann“, erklärt die 18-jährige aus Schwerin. „Zum einen Geduld, an einer Sache dranzubleiben, aber auch ganz viele Belohnungen zu bekommen: zum Beispiel Konzerte spielen zu können.“

Seit ihrem siebten Lebensjahr macht Friederike Musik. Angefangen hat sie mit Geige, vor zwei Jahren entdeckte sie ihre Leidenschaft fürs Fagott. Das tägliche Üben gehört dazu: Tonleitern, um die Finger aufzuwärmen, Atemübungen, um sich auf das Instrument einzustellen, Spieltechnik. „Man muss eigentlich jeden Tag üben. Ich mache das eine Stunde am Tag. Das ist ein bisschen mehr, als ich eigentlich müsste. Aber es macht mir einfach sehr viel Spaß“, erklärt Friederike. „Vor allem, was mir wichtig ist, ist das Orchesterspiel, das gemeinsame Spielen“, erklärt sie.

Film: Friederike erzählt, wie Gemeinschaft im Orchester entsteht

Die Liebe zum Klang entdecken

„An Musik ist das Schönste, mit anderen diese Erfahrung zu teilen, was den Klang eines Instruments ausmacht, was das Zusammenspiel im Orchester ausmacht, wie sich die Töne auf einmal ineinanderfügen, was ein Komponist sich dabei gedacht hat“, bestätigt Friederikes Fagott-Lehrer Holger Petzold. Hauptberuflich spielt er im Orchester des Mecklenburgischen Staatstheaters. „Das Unterrichten ist mein Hobby“, erklärt er. Petzold ist selbst mit fünf Jahren über die Geige zur Musik gekommen und später beim Fagott geblieben. „Am Anfang sollte sich ein Kind das Instrument aussuchen, das ihm liegt, wo es den Klang mag, wo es die anatomischen Voraussetzungen mitbringt“, sagt er. „Als Kind würde ich so viel wie möglich probieren. Eine Geige, ein Fagott, ein Horn, alles Mögliche. Und irgendwo bleibt die Liebe hängen“, erklärt Holger Petzold.

Ein unfassbarer Vorteil vom Orchester ist, dass man eine ganz tolle Gemeinschaft hat.

Friederike

Das typische Einstiegsalter für das Fagott liegt bei durchschnittlich 13 Jahren – denn das Instrument ist recht groß. „Es gibt aber auch Anfängerinstrumente“, weiß Friederike. „Die sind kleiner, wenn man als Kind anfängt, die kann man sich erstmal von der Musikschule ausleihen.“

Kleine Community mit Power

Friederike war gleich fasziniert vom Klang des Fagotts. Das Instrument gehört zwar zu den „Tiefen Holzblasinstrumenten“, verfügt aber über einen enormen Tonumfang. Vor allem in höheren Lagen sticht dessen Klang besonders hervor. Doch nicht nur deshalb ist Friederike mit ihrem Fagott ein gefragtes Mitglied in Orchestern. „Das Fagott ist ein relativ seltenes Instrument“, erklärt Friederike. Sie sieht darin aber auch einen besonderen Vorteil. „Deswegen gibt es da eine Community, die sehr eng zusammenhält. Das heißt, man ist ganz schnell in ganz vielen Gruppen. Man lernt total viele neue Leute kennen, trifft sich irgendwo in Deutschland und spielt einfach zusammen.“

Seit mehr als drei Jahren ist Friederike gleich in zwei Orchestern aktiv, im Jugendsinfonieorchester Schwerin (JSO) und im Landesjugendorchester Mecklenburg-Vorpommern (LJO). Im LJO probt sie mit 70 bis 90 Jugendlichen aus dem ganzen Bundesland im Alter von 13 und 21 Jahren – ausschließlich in den Schulferien, bis zu neun Stunden täglich. Das JSO probt wöchentlich mit 40 bis 60 Mitgliedern. „Ein unfassbarer Vorteil vom Orchester ist, dass man eine ganz tolle Gemeinschaft hat. Und das kann einem das Üben alleine natürlich nicht bieten. Also man probt zusammen, man feiert natürlich danach auch zusammen“, sagt Friederike. Dabei hat sie auch viel darüber gelernt, was es heißt, sich in einer Gemeinschaft sowohl durchzusetzen als auch anzupassen. „Wir sind manchmal zwei Tage, aber manchmal auch zwei Wochen zusammen auf einem komplett abgeschiedenen Dorf, wo man dann probt, den ganzen Tag aufeinandersitzt und miteinander klarkommen muss.“

Blick in soziale Welten

Dieses Erleben von Gemeinschaft ist für Friederike eines der besten Dinge am Orchester. „Dass man total viele Leute kennt, mit total vielen Leuten befreundet ist und ganz viele verschiedene Aktivitäten miteinander macht“, das konnte sie durch das Musizieren im Orchester erleben. Davon zeugt auch der Geigenkoffer der Achtzehnjährigen, den zahlreiche bunte Aufkleber von den viele verschiedenen Treffen, Austauschprojekten und Workshops zieren, die sie bisher besucht hat. Wenn es mal nicht so gut läuft, erinnert ihr Geigenkoffer sie an die guten Momente. „Dann sehe ich immer, warum ich das mache, auch wenn ich mal einen schlechten Tag hatte, und sehe, wie toll das ist und wie viele Leute es draußen noch gibt, mit denen man etwas zusammen machen kann.“ Durch das Spielen im Orchester sei sie offener geworden, so Friederike, denn am Anfang war es auch für sie nicht so leicht, sich im Orchester zwischen so vielen neuen Leuten zurecht zu finden. Inzwischen geht sie selbst auf neue Mitglieder zu und bietet Hilfe an. „Dann frage ich auch: Wollen wir mal alle zusammen ein Spiel spielen, das jeder nochmal die anderen Namen kennenlernt? Das ist immer so das Ziel, dass jeder die Namen der anderen kennt und so ein paar Fakten sagen kann zu der Person. Dadurch wird man auf jeden Fall sehr viel weltoffener.“

Tradition trifft Moderne

Und auch das Lampenfieber lässt mit der Zeit nach. Friederike genießt das gemeinsame Musizieren im Orchester auf der Bühne voll und ganz. „Die Highlights sind die Auftritte, die Konzerte. Man muss sehr gut aufeinander hören und sehr viel aufpassen, was gerade passiert. Jeder versucht, sein Bestes zu geben und das als gesamte große Masse gut über die Bühne zu bringen. Das ist das Tolle, was ein Orchester ausmacht“, fügt Friederike mit einem Strahlen im Gesicht hinzu.

Neben Improvisation und Popmusik stehen natürlich auch Klassiker von Bach, Mendelssohn, Schumann und Tschaikowsky auf dem Programm. „Wenn man nur in der heutigen Zeit lebt, glaube ich, hat man einiges verpasst. Dass man Mozart, Brahms und Beethoven kennenlernt, die alle unterschiedlich komponiert haben, in unterschiedlichen Epochen gelebt haben, erweitert das Weltbild. Jedes Kind sollte ein Kulturangebot wahrnehmen, einfach um sich selbst weiterzuentwickeln, um eine Reife zu bekommen“, erklärt Holger Petzold.

Gerade, wenn man eine Sinfonie spielt, die vier komplett verschiedene Teile hat, hat man so eine richtige Emotionsfahrt während eines Konzerts, die man in sich drin vollführt. Nach dem Auftritt ist man glücklich.

Friederike

„Klassische Musik, merke ich, ist so vielseitig, es gibt wahnsinnig viele Stücke. Für jeden ist was dabei. Zum Beispiel gibt es ganz tolle Fagott-Konzerte von Vivaldi. Ich liebe sie und sie sind relativ kurz, nicht länger als ein Popsong“, ergänzt Friederike. „Gerade, wenn man eine Sinfonie spielt, die vier komplett verschiedene Teile hat, hat man so eine richtige Emotionsfahrt während eines Konzerts, die man in sich drin vollführt. Nach dem Auftritt ist man glücklich. Man ist auch erleichtert, dass es so funktioniert hat. Es ist ein ganz tolles Gefühl. Man muss dann grinsen, man muss lächeln, weil man es zum einen geschafft hat, weil man den Leuten eine Freude bereiten konnte und man selbst hat ja auch ein Konzert. Man hört das ganze Werk, aufgeführt von vielen begeisterten Leuten.

Das Landesjugendorchester Mecklenburg-Vorpommern (LJO) ermöglicht den begabtesten Nachwuchsmusiker*innen aus dem Land das Zusammenspiel in einem großen sinfonischen Orchester. Das Jugendsinfonieorchester Schwerin (JSO) ist ein gemeinsames Orchester des Konservatoriums Schwerin und der Musik- und Kunstschule ATARAXIA. Die Praxisreportage ist entstanden im Rahmen von „Machmamit! Finde, was deins ist“, der Kampagne für Kulturelle Bildung der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ).

Zitiervorschlag

BKJ: In der Musik das Miteinander entdecken
https://www.bkj.de/digital/wissensbasis/beitrag/in-der-musik-das-miteinander-entdecken/
Remscheid und Berlin, .

Typo: 723

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