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Interview

„Du siehst was, was ich nicht sehe, und das macht mich neugierig.“

Im Gespräch mit Susanne Rehm und Prof. Dr. Markus Kosuch, Landesvereinigung Kulturelle Jugendbildung Baden-Württemberg e. V.

02.11.20

Digital und analog sind keine Gegensätze. Sie sind Potenziale für Möglichkeitsräume, in denen Kinder und Jugendliche Welt als gestaltbar erleben können. Ob mit Gaming, Theater, Zirkus oder Fotografie – auf ihre Perspektive kommt es an und dann bewegen sie Schritt für Schritt die Welt von morgen.

Susanne Rehm

Susanne Rehm ist Geschäftsführerin der Landesvereinigung Kulturelle Jugendbildung (LKJ) Baden-Württemberg, die neben landesdachverbandlichen Aufgaben auch Programme und Projekte der kulturellen und mediengestützten Jugendbildung umsetzt.

Prof. Dr. Markus Kosuch lehrt an der Technischen Hochschule Nürnberg die Fächer Ästhetische Praxis in der Sozialen Arbeit und Kulturelle und Ästhetische Bildung. Er ist außerdem als Regisseur und Musiktheaterpädagoge tätig sowie Vorsitzender der LKJ Baden-Württemberg.

Digitalität und Kinder- und Jugendbeteiligung – warum sind das „die“ Schwerpunkte der Arbeit der LKJ?

Markus Kosuch: Partizipation ist „das“ Grundthema der Kulturellen Bildung. Wir arbeiten dafür, dass Jugendliche sich mit ihrer Lebenswelt einbringen und Selbstwirksamkeitserfahrung machen können. Insofern geht es – egal ob online oder offline – darum, Jugendlichen die Möglichkeitsräume zu geben, sich selbst und Welt zu entdecken, sich zu beteiligen, Diversität und Ausgleichsprozesse zu erfahren, gesellschaftliche Teilhabe und damit grundsätzlich Demokratieerfahrungen zu machen.

Und Digitalität?

Markus Kosuch: Die Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen ist nicht online oder offline. Sie – und nicht nur sie – bewegen sich in virtuellen und in realen Räumen gleichzeitig. Die Online-Lebenswelt in unsere Arbeit einzubeziehen, liegt da auf der Hand.

Welche Erfahrungen und Räume brauchen junge Menschen, um ihre Zukunft zu gestalten?

Markus Kosuch: Räume, in denen ernsthaft gespielt und experimentiert werden kann, in denen nicht die neoliberale Logik gilt. Und da gibt es keine Trennungslinie zwischen digitalem und realem Raum. Die Trennungslinie entsteht in der Frage „wie“ ist der Raum: Welche Haltung gilt da drinnen? Geht es um die Disziplinierung der Körper, geht es darum, Bastelanleitungen umzusetzen, Dinge richtig oder falsch zu machen? Oder ist es ein Möglichkeitsraum, der darauf ausgerichtet ist, dass ich Selbstwirksamkeitserfahrung mache, dass ich die Welt als gestaltbar, veränderbar wahrnehme?

Susanne Rehm: Wir kommen immer wieder auf die Grundprinzipien der Kulturellen Bildung zurück, z. B. Selbstwirksamkeit, Fehlerfreundlichkeit, Stärkenorientierung, Ganzheitlichkeit. Aber auch Öffentlichkeit und Anerkennung: immer wieder eine Spiegelung zu geben und das, was passiert, gemeinsam zu diskutieren.

Markus Kosuch: Ich finde das einen wichtigen Aspekt unter dem Wort Koproduktion. Wir müssen einander zuhören und verstehen, jeder hat seine Perspektive auf die Wirklichkeit. Ich sage gern, lasst uns das Spiel spielen: Du siehst etwas, was ich nicht sehe, und das macht mich neugierig. Denn in der Abweichung steckt vielleicht die nächste Lösungsmöglichkeit.

Was ermöglicht es den Jugendlichen in der Welt von morgen, wenn das erfüllt ist?

Markus Kosuch: Sie haben die Möglichkeit, ihre Expertise einzubringen, einen Standpunkt zu vertreten, ohne dabei um Deutungshoheit zu kämpfen. Das sind grundlegende Dinge, in denen wir im Kleinen Welt gestalten, aber natürlich auch im Großen, z. B. in der Art und Weise, wie wir zusammenarbeiten oder in demokratischen Prozessen zu einer Lösung kommen, statt nur zu einem Kompromiss.  

Susanne Rehm: Wir wissen alle nicht, wie die Zukunft ist. Ich denke, das ist die einzige Sicherheit, die wir haben. Indem wir die Prinzipien der Kulturellen Bildung nutzen, ermöglichen wir Kindern und Jugendlichen eine Haltung und geben ihnen Handwerkszeug, mit Veränderungen und Verunsicherungen umzugehen: ok, jetzt ist alles anders, als ich gedacht habe, was machen wir denn jetzt damit? Darin liegen neue Möglichkeiten, auch selber aktiv zu werden, die Lücke in der Veränderung zu finden und die Chance darin zu sehen − das ist das, was wir Kindern und Jugendlichen mitgeben können und wollen.

Was ist das Besondere an der Zukunftsfrage jetzt in der Corona-Krise?

Markus Kosuch: Wir merken plötzlich, das Phantasma „alles ist kontrollierbar, Zukunft ist machbar“ ist nicht zutreffend. Aber es war immer schon so, dass etwas passieren kann, was nicht geplant war. Und jetzt ist es eine Chance, dass wir zusammen diese Verletzlichkeit des Menschseins erleben und dennoch mit Vertrauen in uns selbst und in das Leben immer wieder sehen, es ist gestaltbar. Diese Welt, so wie sie ist, ist nicht digital gegeben, sondern von Menschen gemacht.

In den letzten Monaten hat die Digitalisierung enorm an Bedeutung gewonnen. Zugleich gab es kaum Erfahrungs- und Begegnungsmöglichkeiten im Analogen. Was sagt uns das über die Potenziale und Grenzen des Digitalen?

Susanne Rehm: Ja, da ist viel passiert… Ein ganz plattes Beispiel der Grenzen des Digitalen ist das gemeinsame Singen. Selbst wenn ein Chorleiter digital dirigiert und jeder in seinem eigenen Zimmer oder auf einem Balkon singen kann, wird daraus kein gemeinsamer Klang wie bei einem Chor. Und das andere, was wir feststellen: Es fehlt ein Resonanzraum. Wir erleben in der analogen, menschlichen Begegnung, im gemeinsamen Nachdenken, in der kontroversen Debatte und durch unvorhergesehene Einwürfe oder Verzögerungen, dass Energie oder eine bestimmte Dynamik entsteht, die alle Beteiligten beflügeln kann. Im digitalen Raum scheint diese Energie von der Technik verschluckt zu werden. Andererseits ermöglicht der digitale Raum aber auch vieles, z. B. Teilhabe von Jugendlichen, die in ländlichen Räumen wohnen und sonst mit Bus und Bahn lange unterwegs wären oder die in Corona-Zeiten zu Risikogruppen gehören. Mich hat auch überrascht, dass einzelne Teilnehmende sagen, das Digitale gibt ihnen ein Gefühl von Privatheit, weil sie bei sich zu Hause sind und sich dann mehr trauen als in einem Seminarraum. Zum Beispiel beim Tanzen, wo man das Gefühl hat, okay, notfalls tanze ich außerhalb der Kameraperspektive und kann mich da ausdrücken.

Markus Kosuch: Ich finde, wir sollten das Potenzial erkennen: zum einen wertzuschätzen, miteinander gemeinsam in einem Raum singen, tanzen, Theater, Zirkus machen, uns auch als leibliche Wesen spüren und wahrnehmen zu können. Auf der anderen Seite: Wir können in anderen Städten wohnen und uns online treffen, gemeinsam an einer Fotoausstellung oder einem Podcast arbeiten. Für mich ist da kein Gegensatz: analog „oder“ digital. Es geht darum, dass wir diese Räume nutzen lernen für das, was wir wollen. Das Digitale ist als Werkzeug wirklich fantastisch. Wenn man es mit dem Leben verwechselt, dann ist das schade.

Welche Verantwortung und Möglichkeiten haben Träger der Kulturellen Bildung, die Zukunftsgestaltung von Kindern und Jugendlichen zu unterstützen?

Markus Kosuch: Möglichkeitsräume schaffen, Ressourcen zur Verfügung stellen und dass wir die Regeln auf Basis demokratischer Grundwerte in diesen Räumen thematisieren. Das heißt auch, dass in diesen Räumen Koproduktion stattfindet und auch, dass wir als Erwachsene eine Verantwortung in diesen Räumen, wie etwas gestaltet wird, abgeben. Auch das Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden wird infrage gestellt.

Susanne Rehm: Als Verbände haben wir auch eine Verantwortung zu informieren, Position zu beziehen und das vorzuleben, was wir für wichtig halten, und das einzufordern, auch von Politik und von anderen Trägern oder Strukturen, mit denen wir zusammenarbeiten.

Wo sind dabei die Grenzen für die Träger? Stimmen die Rahmenbedingungen?

Susanne Rehm: Gerade in dieser Corona-Zeit wurde nochmal besonders deutlich, wie fragil vielerorts die Strukturen sind. Wir können unser Mantra nur wiederholen: Wir brauchen verlässliche Strukturen in der Kulturellen Bildung und nicht nur neue Projekte. Auf der Förderseite braucht es eine Erweiterung dafür, dass auch digital gearbeitet werden kann. Oder dass partizipative Prozesse berücksichtigt werden.

Markus Kosuch: Auch in der Ausbildung muss noch mehr passieren. Künstlerinnen und Künstler, Pädagoginnen und Pädagogen müssen diese Haltung erlernen, Kindern und Jugendlichen Räume zu öffnen, Impulse zu geben und dann staunend zu schauen, was dabei entsteht.

Der Beitrag ist erstveröffentlicht in: Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung e. V. (2020): Zukunft – jetzt utopisch gerecht. kubi – Magazin für Kulturelle Bildung No. 19-2020. Berlin. S. 40 – 44.

Zitiervorschlag

BKJ: „Du siehst was, was ich nicht sehe, und das macht mich neugierig.“
https://www.bkj.de/digital/wissensbasis/beitrag/du-siehst-was-was-ich-nicht-sehe-und-das-macht-mich-neugierig/
Remscheid und Berlin, .

BKJ-Mitglied im Interview:

Landesvereinigung Kulturelle Jugendbildung Baden-Württemberg

Als Dachverband vertritt die Landesvereinigung Kulturelle Jugendbildung (LKJ) Baden-Württemberg die politischen Interessen der kulturellen Kinder- und Jugendbildung auf Landesebene. Sie formuliert fachlich-politische Positionen und ist Ansprechpartner der Landesregierung. Mit großer Resonanz initiiert die LKJ Modellvorhaben und führt zahlreiche kulturelle Projekte an Schulen und außerschulischen Einrichtungen durch. Die Förderung von Kooperation und Vernetzung ist dabei von großer Bedeutung. Die LKJ ist auch Träger des Freiwilligen Sozialen Jahres in der Kultur (FSJ Kultur) in Baden-Württemberg.

Aktivitäten

Medienprojekte und Mentorenprogramm
Kreative Kultur- und Medienbildung – das bietet die LKJ in zahlreichen Projekten für Schüler*innen in Baden-Württemberg an. In Medienprojekten steigern Jugendliche ihre Medienkompetenz und werden selbst zu Produzent*innen von Audio- oder Videobeiträgen.

Als „Schülermentor Kulturelle Jugendbildung“ bringen sie mehr Kulturelle Bildung an ihre Schulen. Wer selbst kreativ wird und seine Ideen einbringen kann, lernt neben den künstlerischen und medialen Inhalten noch viel über die eigenen Stärken, die Zusammenarbeit im Team und steigert sein Selbstbewusstsein.
www.lkjbw.de/schule-kultur-medien

Publikationen

Markus Kosuch, Agnes Will (Hrsg.) (2020): Kreativ und Digital – Kulturelle Bildung in Zeiten der Digitalität in Baden-Württemberg. Stuttgart: Eigenverlag.
www.lkjbw.de/service/publikationen

Markus Kosuch (Hrsg.) (2017): Vom Mut weiterzugehen – Kulturelle Bildung mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen in Baden-Württemberg. Stuttgart: Eigenverlag.
www.lkjbw.de/service/publikationen

Kontakt

Landesvereinigung Kulturelle Jugendbildung (LKJ) Baden-Württemberg e. V.
Rosenbergstraße 50
70176 Stuttgart
Telefon +49 (0) 7 11 - 95 80 28 10
Fax +49 (0) 7 11 - 95 80 28 99
Mail info(at)lkjbw.de
Web www.lkjbw.de

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