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Aus der Praxis

„Gesellschaft nicht abbilden, sondern weiterdenken“

Einblicke in ein angolanisch-deutsches Theaterprojekt

05.11.18

Wie kann ich Einfluss nehmen? Was sind gerechte Modelle für die Welt? Wie entkomme ich den Erwartungen meiner Vorfahren? Schon im 16. Jahrhundert warf der spanische Dichter Calderón mit seinem Versdrama „Leben ist Traum“ diese Fragen auf. Sein Stück ist Ausgangspunkt einer weltwärts-Begegnung.

Die beiden freien Jugendtheater – die Jugendtheaterwerkstatt (jtw) Spandau und des Theatro Cazenga aus Luanda – verfolgen ähnliche Ziele: Sie wollen die Gesellschaft nicht abbilden, sondern weiterdenken. Dabei arbeiten sie unter völlig unterschiedlichen politischen Bedingungen. Mit ihrer Kooperation wollen sie ausloten, wie sie als zivilgesellschaftliche Organisationen den Wandel in ihren Ländern mitgestalten können. Und zwar im Sinne des UN-Nachhaltigkeitsziel „Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen“.

„Als wir mit dem Stück begonnen haben, sind wir unter der Prämisse nach Afrika gegangen, dass wir keine Arbeit mit Institutionen der Regierung wollen. Wir wollten mit Jugendlichen arbeiten, deren Aussagen frei und lebendig sind.“

Regisseur Carlos Manuel im Gespräch mit www.spreewild.de

Dennoch lassen die politischen Verhältnisse in Angola eine direkte biographische Annäherung an gesellschaftliche Probleme und Zwänge nicht zu. Deshalb nutzten die Künstler*innen für ihre gemeinsame Theaterproduktion Pedro Calderón de la Barcas Versdrama „Leben ist Traum“ als Fabel. Sie bearbeiteten den Text des spanischen Dichters so, dass vorstellbare und gewünschte Veränderungen über die verschiedenen Rollen des Stücks – wie Machthaber, Nachfolger, Erzieher und Volk – zum Ausdruck gebracht werden.

Während der ersten weltwärts-Begegnungsphase im September 2018 wurde die Inszenierung im Rahmen des Festivals „VERLORENE ILLUSIONEN“ in der Zitadelle Spandau erstmals aufgeführt. Die intensive gemeinsame Arbeit an der Inszenierung hatten die beiden Gruppen schon vor der „Live“-Begegnung über Social Media begonnen.

Dass die Begegnung im September 2018 in Berlin-Spandau tatsächlich stattfinden konnte, war lange Zeit nicht sicher, da die Visa-Vergabe an die jungen Künstler*innen wegen einer unterstellten Absicht, anschließend nicht nach Angola zurückkehren zu wollen, zunächst verweigert wurde. Erst im Sommer hatte das Auswärtige Amt jungen Tänzer*innen aus der Elfenbeinküste aus diesem Grund die Einreise verweigert – zehn Tage vor dem geplanten gemeinsamen Auftritt. Und das, obwohl die Produktion vom Goethe-Institut unterstützt und mit Bundesmitteln gefördert wurde. Ein Beitrag des ARD-Magazins „titel thesen temeramente“ (ttt) zeigt, dass diese Probleme kein Einzelfall sind. Darin kommt auch jtw-Projektleiterin Julia Schreiner zu Wort und beschreibt die Folgen der kulturellen Abschottung:

„Kultur besteht ja daraus, dass sie sich verändert und dass man Einflüsse von draußen mit aufnimmt. Und wenn wir in unserem ewigen Sumpf rumdümpeln, kommen wir nicht mehr weiter. Dann brauchen wir gar keine Kultur mehr.“

Zitiervorschlag

BKJ: „Gesellschaft nicht abbilden, sondern weiterdenken“
https://www.bkj.de/artikel/gesellschaft-nicht-abbilden-sondern-weiterdenken/
Remscheid und Berlin, .

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