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/// 14. Kinder- und Jugendbericht: „Kinder- und Jugendhilfe in neuer Verantwortung“



Mit dem 14. Kinder- und Jugendbericht liegt unter dem Leitmotiv „Kinder- und Jugegendhilfe in neuer Verantwortung“ nach 2002 wieder ein Gesamtbericht vor. Die wichtigsten Aussagen im Überblick.

von Hildegard Bockhorst

Erarbeitet wurde der 14. Kinder- und Jugendbericht von einer Sachverständigenkommission unter dem Vorsitz von Prof. Dr. Dr. Reinhard Joachim Wabnitz. Wie der 11. Kinder- und Jugendbericht (2002) ist er ein Gesamtbericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland.

Von der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe (AGJ) wurde am 21. und 22. Februar für Fachvertreter*innen der Kinder- und Jugendhilfe, Wissenschaft und Politik ein Forum angeboten, um mit einer interessierten Fachöffentlichkeit in den Austausch über die Bericht einzutreten und die Empfehlungen zu diskutieren. Mitglieder der Berichtskommission – Prof. Klaus Schäfer, Prof. Dr. Thomas Olk, Prof. Dr. Nadia Kutscher, Gabi Hagmans, Prof. Dr. Thomas Rauschenbach – stellten den Forumsteilnehmer*innen die für sie zentralen Kernaussagen und Erkenntnisse des 14. Kinder- und Jugendberichts vor und regten die über 200 teilnehmenden Expert*innen an, die Analysen für die Weiterentwicklung ihrer eigenen Arbeit zu nutzen.

Ein verändertes „Mischungsverhältnis“

Während der letzte Gesamtbericht, der 11. Kinder- und Jugendbericht, die Botschaft „Aufwachsen in öffentlicher Verantwortung“ in den Mittelpunkt stellte, ist das Leitmotiv des 14. Kinder- und Jugendhilfeberichts das „Aufwachsen in neuer Verantwortung“. Wie bereits 2002 wird damit Bezug darauf genommen, dass Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe nicht von einem gesellschaftlichen Teilbereich allein erbracht werden. Mit dem Topos der „neuen Verantwortung“ soll nun zum Ausdruck gebracht werden, dass es sich gut zehn Jahre später um ein verändertes, neues „Mischungsverhältnis“ von öffentlicher und privater Verantwortung handelt.

Der Ausbau der Ganztagsschulen, der Ausbau der Kitas, die Vielfalt von Bildungsangeboten Freier Träger der Kinder- und Jugendhilfe, verbunden mit einer Pädagogisierung und Institutionalisierung der Bedingungen des Aufwachsen, sind heute eine Selbstverständlichkeit und Ausdruck einer Ausweitung staatlicher und nicht-staatlicher, öffentlicher Verantwortung. All dies ist gesellschaftlich richtig, und es wird, so Prof. Schäfer in seinem Berichtsüberblick, auch von den Eltern so gewollt. Aber diese „Verschiebungen“ dürfen nicht über die Bedeutung der privaten Verantwortung von Eltern und Familien hinwegtäuschen. Die Berichtskommission sieht die Kinder- und Jugendhilfe herausgefordert, die Familie in ihrer Schlüsselrolle für das Aufwachsen stärker in den Blick zu nehmen und in dem Spannungsverhältnis von privater und öffentlicher Verantwortung die Rolle von Eltern- und Familienbildung stärker zu gewichten.

Die Sachverständigen des 14. Kinder- und Jugendberichts legen ihrer Analyse des Aufwachsens das analytische Beschreibungsmodell eines „Wohlfahrtsvierecks“ zugrunde. Zu den vier Wohlfahrtsproduzenten zählen Staat, Zivilgesellschaft, Markt und Eltern/Familie/Peers. Die neue Verantwortung der Kinder- und Jugendhilfe liegt für sie darin, die Schnittstellen und Kooperationsbeziehungen eben dieser vier Bereiche im Hinblick auf ihre Wirkungszusammenhänge für Befähigungs- und Teilhabegerechtigkeit genauer zu betrachten und Angebote und Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe so auszugestalten, dass sich in einem gelungenen „Gestaltungs-Mix“ Bildungschancen verbessern und „herkunftsbedingte und institutionell erzeugte soziale Ungleichheiten abbauen bzw. verminden“ lassen.

Auf über 500 Seiten werden die veränderten Bedingungen von Kindheit und Jugend in den „Welten“ von Familie, Kita, Schule, Gleichaltrigengruppen, Jugendarbeit u. v. m. beschrieben und die Leistungen und Herausforderungen für die Kinder- und Jugendhilfe angesichts gesellschaftlicher Wandelprozesse erörtert: „Ambivalenzen öffentlicher Verantwortungsübernahme“, die „Entgrenzung der Jugendhilfe“ in ihren Schnittmengen zu anderen Erziehungs- und Bildungsfeldern wie Schule und Gesundheit beispielsweise, das Aufwachsen Jugendlicher „in unterschiedlichen Geschwindigkeiten“, die „Mediatisierung von Institutionen, Angeboten und fachlichem Handeln“ und eine „befähigende Medienbildung und medienreflexive Kinder- und Jugendpolitik“ sind nur einige Dimensionen komplexer Veränderung, die das Leitbild einer gemeinsamen Verantwortung für eine kooperative Neugestaltung des Aufwachsens fundieren.

Bildungspotenziale aktivieren

Für das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen steht für die Sachverständigen immer wieder die grundlegende Bedeutung von Bildung als zentrale Schlüsselressource einer stetigen Verbesserung von Handlungsfähigkeit im Fokus, verbunden mit der Empfehlung, zukünftig vermehrt über die pädagogische Qualität von Bildung – als Befähigungs- und Teilhabekultur – in der Schule wie auch in der Kinder- und Jugendarbeit nachzudenken und die Bildungspotenziale zu aktivieren, die Selbstständigkeit fördern und Teilhabechancen verbessern. Zum Gestaltungsauftrag in gemeinsamer Verantwortung gehören für die Berichtskommission die Weiterentwicklung innovativer Bildungsvorstellungen und die Verknüpfung der Bereiche formaler und non-formaler Bildung entscheidend dazu.

Die Kommission plädiert dafür, die Bedeutung des Jugendalters (bei gleichzeitiger Beibehaltung der Förderung frühkindlicher Bildungsbemühungen) und eine „entsprechende Profilierung der Jugendpolitik“ neu zu gewichten. In diesem Kontext müssten die freien Träger und insbesondere „die Kommunen als zentraler Ort der Kinder und Jugendhilfe und als lokaler Bildungsort […] in ihrer Verantwortungswahrnehmung gestärkt und entsprechend finanziell auskömmlich ausgestattet werden“ (S. 418).

Konkretere Positionierung wäre wünschenswert

Sowohl die AGJ-Vorsitzende Prof. Dr. Karin Böllert in ihrer Begrüßung als auch Teilnehmer*innen der Arbeitsgruppen formulierten ein leises Bedauern darüber, dass sich die Sachverständigenkommission nicht konkreter zur Umsetzung des gemeinsamen Gestaltungsauftrages und der aktiven Mitgestaltungsrolle des neuen Mischungsverhältnisses von privater und öffentlicher Verantwortung durch die Kinder- und Jugendhilfe positioniert habe.

Aus den Erfahrungen im Bereich von „Kultur macht Schule“ wissen die Akteure der Kulturellen Bildung in der BKJ, wie anspruchsvoll und voraussetzungsreich sich ein gemeinsamer, aktiver Gestaltungsprozess des Aufwachsens in dem Zusammenwirken unterschiedlicher Akteure und Institutionen darstellt und wie unverzichtbar es ist, dass Kultur, Jugendarbeit und Schule gut kooperieren.

Deshalb ist die Haltung der Sachverständigen sehr zu unterstützen, dass sich die Jugendarbeit angesichts der Veränderung von Schule als Lebensort nicht der Zusammenarbeit entziehen sollte und dass auch sie Verantwortung dafür hat, in kommunalen Bildungslandschaften durch neue Formen der Kooperation und Vernetzung soziale Benachteiligungen auszugleichen und „Bildung, Befähigung und Alltagsbildung“ durch innovativen Bildungskonzepten mitzugestalten – auch wenn die Kompatibilität der Bereiche für die Zusammenarbeit noch verbessert werden und parallel die Forschung über Wirkungen bzw. Wirkungszusammenhänge verstärkt werden muss.

Kooperationen von Jugendarbeit und Ganztagsschule intensivieren

Die Auseinandersetzung mit dem Bericht wird die Kinder- und Jugend(kultur)arbeit auf jeden Fall dazu herausfordern, ihre Kooperation mit Schule weiter zu intensivieren und für sich zu konkretisieren, wie die non-formale Bildung mit ihren Angeboten und Bildungsqualitäten dazu beizutragen kann, dass sich am Lebensort (Ganztags-)Schule Freiräume einer stärkenorientierten Lernkultur und interessenorientierten Förderung von Wissen und Alltagsbildung weiterentwickeln.

Der Wert des Berichtes liegt vor allem darin, dass sich die Akteure in der Kinder- und Jugendhilfe selbstkritisch und sensibel der Frage stellen (müssen),

„wie künftig sozialpolitisches, kinder-, jugend- und familienpolitisches Handeln soziale Gerechtigkeit in den Blick nimmt und welchen Paradigmen sie primär folgt. […] Neben der politischen Verantwortung für soziale Gerechtigkeit stellt sich auch die Frage nach der fachlichen Zuständigkeit. Mit Blick auf die Verantwortung der Kinder- und Jugendhilfe sei hier Folgendes zur Diskussion gestellt: Bei aller Vagheit des Paradigmas Teilhabegerechtigkeit und seiner Nähe zum Prinzip der Aktivierung zeigt sich eine Reihe von konkreten Anschlüssen für die fachpolitische Gestaltung von öffentlicher Verantwortung für das Aufwachsen. Diese liegen etwa in der Stärkung von Kindern und Jugendlichen als Subjekte oder in der ausgewogenen Elternbeteiligung in den Institutionen.“ (S. 369 f.)

Selbst wenn der Bericht mit seiner analytischen Folie des Wohlfahrtspluralismus viele Fragen zur konkreten Gestaltung einer Lebenslagenpolitik offen lässt und sich einzelne Expert*innen in der Tagung mehr Prägnanz und Stringenz hinsichtlich der Umsetzungsvorstellungen einer kohärenten Kinder- und Jugendhilfe gewünscht hätten, so ist er dennoch ein wichtiger Anstoß für die Politik und für die Freien Träger, sich angesichts des Bedeutungszuwachses der öffentlichen Verantwortung mit den eigenen Gestaltungskonzepten, den eingesetzten Instrumenten und den Wirkungen ihrer Leistungen in den unterschiedlichen Bereichen und für die verschiedenen Adressatengruppen kritisch auseinanderzusetzen.

Regierung teilt Empfehlung „Kinderrechte ins Grundgesetz“ nicht

Bundesjugendministerin Dr. Kristina Schröder hat den Bericht und die Stellungnahme der Bundesregierung dazu am 30. Januar 2013 in das Bundeskabinett eingebracht. Die Bundesregierung teilt eine Vielzahl der Positionen der Berichtskommission, so Regina Kraushaar, Abteilungsleiterin „Kinder und Jugend“ im BMFSFJ im Rahmen der AGJ-Tagung. Zur Wahrnehmung einer gemeinsamen Verantwortung von privater und öffentlicher Seite braucht es eine starke Kinder- und Jugendhilfe ebenso wie die Gestaltung von guten Rahmenbedingungen für Familien und Elternkompetenz, sagte Kraushaar. Die Empfehlungen der Kommission, die Kinderrechte ins Grundgesetz aufzunehmen, teilt die Bundesregierung allerdings nicht. Ebenso sieht sie keine Notwendigkeit, den verfassungsrechtlichen Kompetenztitels der öffentlichen Fürsorge für die konkurrierende Gesetzgebungskompetenz des Bundes (Artikel 74 Abs. 1 Nr. 7 GG) im Hinblick auf die Kinder- und Jugendhilfe zu konkretisieren.

Folgende 4 Punkte stellt Regina Kraushaar als zentral für das Aufwachsen heraus:

  • Bildung als Schlüssel für faire Chancen, einen erweiterten Bildungsbegriff und eine gestärkte Rolle der Kinder- und Jugendhilfe für einen barrierefreien Zugang,
  • Neue Medien und die Förderung von Netzpolitik und Medienkompetenz zur Gestaltung eines gelingenden Aufwachsens in einer digitalen Medienwelt,
  • eine neue Politik für das Jugendalter, ressortübergreifend und unter Mitgestaltung der jungen Menschen.


Die Bundesregierung sieht „die Kinder- und Jugendarbeit vor erheblichen Herausforderungen, um ihre Rolle in einem ganzheitlichen Bildungssystem behaupten und stärken zu können“, und sie

„wird auch zukünftig Maßnahmen der Kinder- und Jugendhilfe zur Stärkung von bedarfsgerechten Angeboten in der Kooperation mit Schule unterstützen und bundeszentrale Perspektiven und Handlungsfelder im Rahmen des Kinder- und Jugendplans (KJP) finanziell fördern. [...] Die Bundesregierung wird die Kinder- und Jugendhilfe weiterhin darin bestärken, passende Konzepte für diese Herausforderung zu entwickeln. Mit der Fachstelle „Kultur macht Schule“ bei der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder und Jugendarbeit e. V. (BKJ) fördert die Bundesregierung eine umfangreiche Beratungsstruktur für die Kooperationen zwischen Schulen und der kulturellen Kinder- und Jugendarbeit ...“ (Stellungnahme, S. 18f.)

 


Hildegard Bockhorst ist Geschäftführerin der BKJ

 

 



Der vollständige Bericht zum Download

14. Kinder- und Jugendbericht mit der Stellungnahme der Bundesregierung (PDF)

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publikationen(at)bundesregierung.de

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