Arbeitsfelder der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung



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/// Kunst nervt. Warum Irritationen im Kunsterleben produktiv sind



Warum Erfahrungen der Fremdheit durchaus erwünscht sind und wie Irritationen im Kunsterleben produktiv werden können.

von Wolfgang Sting und Virginia Thielicke

Zeitgenössische und performative Kunst ist nicht immer leicht zu rezipieren. Auch ist das Kunsterleben nicht notwendig eine nur als Erbauung und Genuss empfundene Erfahrung. Kunst kann befremden, irritieren und verstören. Aktuelle Kunstformen wie etwa Performances, die den konventionellen Kunstbegriff von Werk, Repräsentation und Illusion überschreiten oder auflösen, können bei den Rezipienten durchaus widersprüchliche Reaktionen, die natürlich auch von den individuellen Sehgewohnheiten und kulturellen Präferenzen abhängen, hervorrufen.

I. Performative Kunst

Andere Erzählformen und Inszenierungsformate – wie Collagen, Assoziationen und Bilder – und andere Spielweisen und -orte fordern beim Rezipienten eine gewisse Offenheit in der Wahrnehmung. Gefragt ist die Bereitschaft, ungewohnte Bild-, Klang- und Bewegungssprachen sowie vieldeutige Assoziationsmöglichkeiten zuzulassen. Fremdes und Befremdendes zu verarbeiten.

Die performative Wende in den Kunst-, Kultur-, aber auch Sozial- und Erziehungswissenschaften hat verstärkt seit den 1990er Jahren nicht nur die Praxen und das Selbstverständnis der Künste, sondern auch die Diskurse und Vermittlungskonzepte der Kulturellen Bildung nachhaltig beeinflusst. Das Performative verweist auf eine spezifische körperliche, experimentelle und spielerische Handlungs- und Aufführungspraxis, die für pädagogische und didaktische Fragen im Bereich der Kulturvermittlung interessant wird.

Mit den Begriffen Performance und postdramatisches Theater (vgl. Lehmann 1999) verbindet sich also ein verändertes Verständnis von Kunstpraxis und Darstellung. Selbst- und Rollendarstellung, Spiel und Repräsentation vermischen sich. Im Zentrum steht nicht mehr das Dramenwerk als fixierter Text, sondern das flüchtige Ereignis der Aufführung und die ästhetische Erfahrung des Zuschauers/der Zuschauerin; nicht die Darstellung einer Rolle, sondern die Präsenz des Darstellungsaktes. Auch der Spielbegriff erfährt im Verständnis der Performance eine Ausweitung. Im Spiel wird dann nicht nur fiktive, sondern auch wirkliche Welt geschaffen.

Folgende Stichworte markieren die zentralen Unterschiede und das Kunstverständnis von Performance im Vergleich zum dramatischen Theater:

  • Ereignis statt Werk,
  • Präsentation statt Repräsentation,
  • Handeln statt „Als-ob-Spielen“,
  • Selbstdarstellung statt Rollen- und Figurendarstellung,
  • Zuschaueransprache bzw. Unmittelbarkeit statt „vierter Wand“ und Illusion.

II. Kunst nervt

1. Eintrag: „Und wieder wird mir klar, dass mich Kunst ungemein nervt. ... Ich verstehe einfach nicht, warum in Bildern und Theaterstücken so viel Sinn stecken muss. Sinn, den ich dann sehen, ergründen und weiter denken soll. Ich will nicht anderer Menschen Seelenkotze weiter denken, ergründen oder erkennen. Ich möchte sehen. Und dann wieder gehen. Ende.“

Die in diesem Text zitierten Aufzeichnungen der Studentin Hannah (Name geändert) dokumentieren ihre spezifische Rezeptionserfahrung und -verarbeitung in der Konfrontation mit performativer Kunst. Im Rahmen einer Seminarreihe an der Universität Hamburg als Teil des Promotionsprojekts von Virginia Thielicke haben Studierende ihre individuellen Auseinandersetzungsprozesse in einem Werktagebuch aufgezeichnet.

Der Anspruch an sich selbst, Sinn entdecken zu müssen, „anderer Menschen Seelenkotze“ zu ergründen, befremdet und steht in Widerspruch zu Hannahs Anspruch an Kunst als simplen Genuss: sehen und gehen. Hannahs Äußerungen beziehen sich auf das Erlebnis der Performance „Gap feeling“ eines internationalen Künstlerkollektivs auf Kampnagel, einer Installation aus Bewegung und Klang mehrerer Schauspieler in übereinander gestapelten Containern zum Thema Einsamkeit. Diese Performance wird als eine irritierende Erfahrung von Fremdem erlebt. Kunst kann irritieren und verunsichern, verstören und befremden. Der Philosoph und Phänomenologe Bernhard Waldenfels sieht in der Erfahrung von Fremdheit ein zentrales Merkmal von (Theater)Kunst: „Theater ist ein Schauplatz des Fremden“ (Waldenfels 2010: 241). Fremdheit hat bei Waldenfels eine ganz besondere Erlebensqualität, Fremdheit widerfährt einem vorkognitiv. Ein intensiver Sinneseindruck, der sich nicht einordnen lässt, der nicht das Fremde als das Unbekannte oder Andere meint, sondern der im Zwischenraum von Wahrgenommenem und Selbst liegt. Diese Fremdheitserfahrung ist etwas, das sich unserem Orientierungsrahmen entzieht. „Das Fremde zeigt sich, indem es sich uns entzieht. “ (Waldenfels zit. in Koller 2012: 83)

2. Eintrag: „GAP FEELING: 1 1/2 Std. Sinn und Unsinn. Mehr Unsinn als Sinn, oder? Schöne Klänge, schöne Bilder. ...Die Bewegungen der Spieler, der Rauminhalte waren wundervoll. Fließend, beinahe synchron. Abgehackt. Beeindruckend. Ich mag rote Kleider ... Zwischendurch habe ich mich gefragt, wann ich endlich gehen kann.“

Hannah ist verunsichert, das Gesehene macht wenig Sinn. Sie hebt die Ästhetik des Stückes und die „Schöne[n] Klänge und schöne[n] Bilder“ hervor: visuelle und akustische Reize, die ihr gefallen und die mit ihrem Orientierungsrahmen, Theater als einen Ort des ästhetischen Genusses zu betrachten, im Einklang sind. Dennoch zeigt sich eine Ambivalenz, denn sie verspürt zwischendurch den Wunsch, die Aufführung zu verlassen. Anders nach dem zweiten Besuch der gleichen Inszenierung:

„Diesen geistigen Müll ein zweites Mal anzuschauen war ein riesiger Fehler. Die Bilder, die mich beim ersten Ansehen noch beeindruckten, empfand ich diesmal als lächerlich. Was will performatives Theater von mir? Was will ich von ihm? Es ist so sinnvoll wie eine Ampelanlage im Kreisverkehr. Wofür auch immer eine Handlung, ein Bild, ein Geräusch symbolisch stehen soll, eröffnet sich mir einfach nicht. ... Wenn jemand etwas zu sagen hat, dann sollte er es tun. Klar, deutlich, ohne Schnörkel. ... Jetzt macht mich dieses Scheiß-Theaterstück nur noch wütend.“

Der erste Seheindruck wird revidiert durch sehr emotionale und bewertende Äußerungen. Die subjektiv empfundene Sinnlosigkeit irritiert total; warum kann sich der Künstler nicht klar ausdrücken? Tage später folgte eine Seminaraufgabe für die Studierenden, auf der Basis des Gesehenen und Erlebten eine eigene performative Aktion zu entwickeln. In Anlehnung an die rezipierte Performance baute Hannah mehrere Stationen auf, an denen für die anderen Studierenden unterschiedliche SINNeserfahrungen machbar waren (u. a. ein Video, auf dem „sinnloser Scheiß“ zu sehen war.)

3. Eintrag: „Ich bin positiv überrascht von meiner ‚Aktion‘. Viele Gedanken, die ich bei der Planung hatte, wurden wiedergegeben. Und einige neue oder interessante Ansätze kamen dazu. Ich hätte absolut nicht erwartet, dass sich aus so viel gefühlter Sinnlosigkeit Sinn entwickelt. Sinn, den ich dann auch noch vermitteln kann. Ich habe gemerkt, dass man selbst vielleicht erst abstrakte Darstellungen/Handlungen vollziehen muss, um die Darstellung anderer zu verstehen. Aber auch der Positionswechsel hat mir geholfen. Ich habe mir zwar zu allem meine Gedanken gemacht, habe mich aber auch über neue Ideen und Interpretationen gefreut, weil sie neuen Input für mich bedeuten.“

III. Fremdheit als produktives Moment

Das eigene künstlerische Tun, der Perspektivwechsel vom Zuschauer zum Akteur und die Rückmeldung und Kommunikation mit den Zuschauer/innen haben die intensive Fremdheitserfahrung der Studentin produktiv werden lassen.

Waldenfels unterscheidet zwischen drei Reaktionsformen im Umgang mit Fremdheitserfahrung. Eine Reaktion besteht darin, das Fremde als etwas Feindliches zu betrachten (hier „Seelenmüll“ oder „Unsinn“ genannt), eine zweite in der Aneignung oder Einverleibung des Fremden (hier: nicht Ernst nehmen) und eine dritte im „Antworten auf den Anspruch des Fremden“ (zit. in Koller 2012: 84) (hier eine produktive Verarbeitung durch die eigene performative Aktion). Die Irritation oder Beunruhigung durch das Fremde fasst Waldenfels als Herausforderung oder als Anspruch auf. Dabei unterscheidet er zwischen reproduktiven und produktiven bzw. kreativen Antworten. Reproduktiv sind Antworten, die einen bereits existierenden Sinn wieder- oder weitergeben, während produktive Antworten Neues hervorbringen.

Hannahs Äußerungen zeigen, dass die in der ästhetischen Rezeption und Produktion angelegten Fremdheitserfahrungen erst über einen längeren Suchprozess produktiv werden. Bei und in der Auseinandersetzung mit Kunst ist es deshalb ratsam, dass Kulturpädagog/innen und -vermittler/innen nicht vorschnell Antworten geben, sondern dieses Suchen mit Impulsen (Fragen, Aufgaben) und Zeit unterstützen. Thesenhaft lässt sich festhalten, dass ästhetischen Erfahrungs- und Lernprozessen folgende Ausgangsbedingungen gut tun:

  • Irritationen und Fremdheit sind als produktive Momente anzusehen.
  • Suchbewegungen und Lernprozesse im Ästhetischen brauchen Zeit und anregende Impulse.
  • Perspektivwechsel zwischen individuellen rezeptiven und kollektiven produktiven Aktivitäten schafft Zugänge zu Kunsterleben.

Prof. Dr. Wolfgang Sting ist Professor für Theaterpädagogik am Fachbereich Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg, wo er den Masterstudiengang Performance Studies leitet.

Virginia Thielicke ist Doktorandin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Arbeitsbereich Theaterpädagogik und Performance Studies.


Literatur

Koller, Hans-Christoph (2012): Bildung anders denken, Stuttgart.
Lehmann, Hans-Thies (1999): Postdramatisches Theater, Frankfurt/ Main.
Waldenfels, Bernhard (2010): Sinne und Künste im Wechselspiel: Modi ästhetischer Erfahrung, Frankfurt/Main.


Magazin KULTURELLE BILDUNG

Dies ist ein Beitrag aus dem BKJ-Magazin KULTURELLE BILDUNG Nr. 10 „Wie gelingt ästhetisches Lernen?“. Das Magzin kann im Online-Shop bestellt werden.

Lesprobe aus dem Magazin Nr. 9: „Der kulturelle Wandel: Über Nachhaltigkeit und das globale Wir“

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