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31.07.2012 /// Der kulturelle Wandel: Über Nachhaltigkeit und das globale Wir

Unsere kulturelle Brille macht uns blind, für das, was jetzt notwendig ist: ein globales Wir-Gefühl und ein gutes Leben für alle, innerhalb der ökologischen Grenzen des Planeten. Fortschritt und Wachstum als Lösung für alles ist keine anthropologische Konstante, sondern westliches Denken der letzten zweihundert Jahre. Diese kulturelle Brille gilt es abzulegen und zu schauen, ob nicht andere Kulturen bessere Lösungen haben, um unsere Aktivitäten der Endlichkeit des Planeten anzupassen.

von Eva Leipprand

„Collapse“ heißt das Buch des Anthropologen Jared Diamond, in dem er Kulturen beschreibt, die insbesondere aufgrund selbstverursachter Umweltschäden unter Druck gerieten und untergingen (vgl. Diamond 2005). So haben zum Beispiel die Bewohner der Osterinsel ihr Pazifikparadies selbst zerstört. Um riesige Statuen aufzustellen, die Wahrzeichen ihrer Kultur, vernichteten sie die Palmenwälder auf der Insel. Diamond erzählt aber auch, wie es manche Kulturen schafften, sich an Veränderungen anzupassen und damit zu überleben (z. B. Japan durch ein Aufforstungsprogramm im 16. Jahrhundert). Damit eine solche Anpassung gelingt, muss eine Gesellschaft in der Lage sein, sich von kulturellen Selbstverständlichkeiten zu lösen und wirklich neue Wege zu gehen.

Wenn wir unsere eigene Gesellschaft betrachten – die deutsche, die der westlichen Industrieländer – dann stellen wir fest: Wir haben eine blühende Kultur geschaffen, optimieren unablässig unsere Lebensbedingungen und treiben das Wirtschaftswachstum an, um uns immerwährenden Fortschritt zu sichern. Damit verbrauchen wir aber unsere Ressourcen, gefährden das Klima, häufen Schulden auf und verzehren die Chancen der Zukunft. All dies ahnen wir oder wissen wir. Aber auf dem Weg zu einer nachhaltigen Lebens- und Wirtschaftsweise sind wir noch nicht wirklich weitergekommen. Irgendwie will uns nichts anderes einfallen, als das, was wir schon immer gemacht haben.

Es gibt eine Kluft zwischen Wissen und Handeln, und diese Kluft ist auch und wesentlich eine kulturelle. Wir nehmen unsere Umgebung und unser eigenes Handeln nicht objektiv wahr, sondern durch die Brille unserer kulturellen Vorstellungen. Diese Vorstellungen haben wir entwickelt, um besser überleben zu können. Sie waren ein Wettbewerbsvorteil in der Evolution und haben unsere Art ungeheuer erfolgreich gemacht, mit sieben Milliarden beherrschen wir die Welt. Aber genau dieser Erfolg hat die Situation grundsätzlich verändert. Und nun ist es die kulturelle Brille, die uns blind macht für das, was jetzt notwendig ist. Wir brauchen einen kulturellen Wandel.

Was sind das für Vorstellungen, die uns am richtigen Handeln hindern? Hinweise gibt der Essay des Sozialpsychologen Harald Welzer: „Mentale Infrastrukturen. Wie das Wachstum in die Welt und in die Seelen kam“ (vgl. Welzer 2011). Darin wird beschrieben, wie die Vorstellung von immerwährendem Wachstum erst mit der Industrialisierung entstand, und wie sich dadurch auch der Mensch selbst als ein Wesen zu verstehen lernte, das immerfort wachsen und sich optimieren muss. Stetiges Wachstum gilt bis heute als Voraussetzung für soziale Gerechtigkeit und Frieden. Ein solches Wachstum setzt aber ständig steigenden Konsum voraus. Der Konsum wird dabei zunehmend zur Sinnstiftung, zur Erweiterung des Selbst, er definiert den Status, die Ware erhält symbolischen Wert. Deshalb können wir nicht sehen, was wir damit anrichten.

Dabei sind die mentalen Strukturen der Wachstumskultur keineswegs „natürlich“. In dieser krassen Form sind sie erst in den letzten zweihundert Jahren entstanden und somit nicht, wie oft gesagt wird, angeboren.

Kultureller Wandel ist möglich

Dass der Mensch Denkmuster verändern kann, und zwar sehr schnell, zeigt der gesellschaftliche Wandel der letzten zwanzig Jahre – die Allgegenwart von Computer und Internet, die Dominanz des Ökonomischen, der flexible Arbeitnehmer, die Auflösung der Familien. Dieser Wandel ist den neuen technischen Möglichkeiten geschuldet, aber auch bewusst gemacht. Es sind ja viele daran interessiert, die Bilder einzuspeisen, die diese Entwicklung vorantreiben. Nicht nur die Wirtschaft, etwa durch die Werbung, sondern auch die Politik mit ihren Botschaften. Das Verbrauchen als moralische Pflicht. Das Immer-etwas-wollen-Sollen. Jedes Kind im Dienste der Gesellschaft ein kleiner Wachstumsbeschleuniger.

Denkmuster und Wertvorstellungen müssen sich aber auch in eine andere Richtung verändern lassen – und dies ist längst im Gange. Es ist eine weltweite Suchbewegung erkennbar, nach Wohlstand ohne Wachstum, nach dem guten gelingenden Leben. Diese Suchbewegung lässt sich deuten als Element einer kulturellen Evolution. Kein einzelner Mensch, keine Organisation, keine politische Bewegung überblickt das Ganze. Es ist eher ein Suchen als ein Wissen. Aber eine Ahnung ist da, dass wir vor Herausforderungen stehen, denen mit den bisherigen Rezepten nicht zu begegnen ist. Wir können uns bereit machen, auf Unerwartetes, Niedagewesenes zu reagieren. Wir können Evolutionäre sein.

Das gute gelingende Leben

Die Glücksforschung sagt: Im Hamsterrad des Wachstums lässt sich das Glück nicht finden. Könnte die Idee eines guten gelingenden Lebens die Alternative sein? Diese Idee erläutert der Wirtschaftswissenschaftler Tim Jackson in seinem Buch „Wohlstand ohne Wachstum“ (vgl. Jackson 2011). Wohlstand in diesem Sinne bedeutet ganz einfache Dinge. Der Mensch fühlt sich einigermaßen sicher und nicht durch zu große Ungleichheit zu einem ständigen Statuswettbewerb gezwungen. Er lebt in einer einigermaßen gerechten Welt und kann sich in seinen Fähigkeiten entfalten, zugleich aber die Gemeinschaft mitgestalten und einen sinnvollen Beitrag zu den gemeinsamen Aufgaben leisten. Leben und Arbeiten befinden sich im Gleichgewicht.

Dieses gute Leben ist im Übrigen kein Rückfall in die Steinzeit, sondern eine Zukunftsvision. Ein gutes Leben für sieben Milliarden Menschen auf der Erde, das muss das große Projekt sein, das Zukunftsprojekt, das unsere ganze Intelligenz und Kreativität erfordert. Ein gutes Leben für alle, innerhalb der ökologischen Grenzen des Planeten.

Das klingt ein bisschen naiv, nach Gutmenschentum. Da wird sofort der Vorwurf laut, der Mensch solle umerzogen werden. Aber dass der Mensch von Natur aus keineswegs nur auf den eigenen Vorteil bedacht, sondern auch zur Hilfsbereitschaft in der Lage ist, und zwar in hohem Maße, das bestätigt uns die Forschung jeden Tag. Die Fähigkeit des Menschen zur Kooperation dient seinem eigenen Interesse, sie war ein Wettbewerbsvorteil in der Evolution. Als kooperativer Egoist hat er es weit gebracht. Und er wird sich auch in Zukunft an gemeinsamen Projekten beteiligen, wenn er sieht, dass sie dem eigenen Überleben dienen.

Es geht also nicht um Verzicht oder Umerziehung, sondern um Befreiung von einseitigen Vorstellungen, um das Hervorholen vergessener Eigenschaften und Möglichkeiten und eine neue Balance zwischen Gemeinnutz und Eigennutz, um eine Chance für den Menschen, wieder rund und ganz zu sein – und um die Herausbildung eines globalen Wir-Gefühls.

Neue Wege durch kulturelle Vielfalt

Die „Allgemeine Erklärung zur kulturellen Vielfalt“ der UNESCO gibt dafür wertvolle Anregungen:

„Im Lauf von Zeit und Raum nimmt die Kultur verschiedene Formen an. Diese Vielfalt spiegelt sich wieder in der Einzigartigkeit und Vielfalt der Identitäten, die die Gruppen und Gesellschaften kennzeichnen, aus denen die Menschheit besteht. Als Quelle des Austauschs, der Erneuerung und der Kreativität ist die kulturelle Vielfalt für die Menschheit ebenso wichtig wie die biologische Vielfalt für die Natur. Aus dieser Sicht stellt sie das gemeinsame Erbe der Menschheit dar und sollte zum Nutzen gegenwärtiger und künftiger Generationen anerkannt und bekräftigt werden.“ (UNESCO 2001)

Hier wird die Bedeutung der Vielfalt der Kulturen in der Evolution mit der der Vielfalt der Arten gleich gesetzt; beide sind unverzichtbare Ressourcen für die Zukunft der Menschheit. Fortschritt war für viele bislang immer ganz selbstverständlich der westliche Weg. Diese kulturelle Brille gilt es abzulegen und zu schauen, ob nicht andere Kulturen bessere Antworten haben auf die Fragen von heute; Antworten, die helfen können, unsere Aktivitäten der Endlichkeit des Planeten anzupassen. Kulturelle Setzungen wie „Macht euch die Erde untertan“ oder „Seid fruchtbar und mehret euch“ haben sich als überholt erwiesen. Es lässt dagegen aufhorchen, wenn ein Staat wie Ecuador 2008 beschließt, die Rechte der Natur in die Verfassung aufzunehmen.

Das globale Wir

In diesem Sinne sind kulturelle Unterschiede keine Begründung mehr für Unter- oder Überlegenheit, sondern eine „Quelle des Austauschs, der Erneuerung und der Kreativität“ (vgl. UNESCO 2001). Wir brauchen den Reichtum aller Kulturen der Welt für das große Zukunftsprojekt: ein gutes Leben für alle. Das darf und soll nicht heißen, die eigene Kultur über Bord zu werfen. Im Gegenteil: Nur wer in der eigenen Kultur verwurzelt ist, kann sich anderen angstfrei öffnen. Aber die UNESCO-Erklärung gibt das Modell vor: die Vielfalt in der Einheit, das gemeinsame Interesse des globalen Wir.

Literatur

Diamond, Jared (2005): Collapse. London.
Jackson, Tim (2011): Wohlstand ohne Wachstum. Leben und Wirtschaften in einer endlichen Welt, herausgegeben von der Heinrich-Böll-Stiftung, München.
Welzer, Harald (2011): Öffnet externen Link in neuem FensterMentale Strukturen. Wie das Wachstum in die Welt und in die Seelen kam
UNESCO (2001): Allgemeine Erklärung zur kulturellen Viefalt, Paris


Eva Leipprand war von 2002 bis 2008 Kulturbürgermeisterin in Augsburg. Seit 2008 ist sie im Vorstand der Grünen Stadtratsfraktion, der Kulturpolitischen Gesellschaft und des Kulturausschusses Bayerischer Städtetag, im Verband Deutscher Schriftsteller sowie Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft Kultur Bündnis 90/Die Grünen. Schwerpunkt: Kultur und Nachhaltigkeit. Letzte Veröffentlichungen: Politik zum Selbermachen (Suhrkamp 2011); Übersetzung von Tim Jackson: Wohlstand ohne Wachstum. Leben und Wirtschaften in einer endlichen Welt (2011).

 


Magazin KULTURELLE BILDUNG

Dies ist ein Beitrag aus dem BKJ-Magazin KULTURELLE BILDUNG Nr. 9 „Kulturelle Bildung für nachhaltige Entwicklung“. Das Magzin kann im Online-Shop bestellt werden.

Lesprobe aus dem Magazin Nr. 10: „Kunst nervt. Warum Irritationen im Kunsterleben produktiv sind“




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